Geschichte

Ann Lowe: die erste schwarze Haute Couture-Designerin

Von Jenna | 6. November 2020


An ihrem Hochzeitstag im Jahr 1953 trug Jacqueline Bouvier ein wunderschönes weißes Kleid und war im Begriff, den damaligen Senator John F. Kennedy zu heiraten. Ein Kleid, das zu einem der symbolträchtigsten Gewänder aller Zeiten wurde. Es war ein denkwürdiger Tag in der Modegeschichte, doch der Name der Designerin ist nie gefallen. Jahrzehnte später ist sie eine gefeierte Figur der Modewelt und wir stellen sie heute vor: Ann Lowe, die erste schwarze Designerin von Haute Couture.


Es lag in der Familie


Ann Lowe wurde in Clayton, Alabama, in eine Familientradition von Näherinnen geboren. Ihre Mutter und Großmutter führten eine angesehene Schneiderei, das die wohlhabenden Eliten von Montgomery versorgte. Als Kind, immer mitten im Geschehen, begeisterte auch Ann sich für das Handwerk und bastelte Blumen aus den alten Stoffresten. Was als kindliche Spielerei begann, wurde im Alter von 16 Jahren plötzlich zum Beruf und Lebensunterhalt, als Lowes Mutter völlig unerwartet verstarb. In der Näherei lagen noch vier Ballkleider, die für die First Lady von Alabama bestimmt, aber noch nicht fertiggestellt waren - den Auftrag führte Ann Lowe zu Ende.


Lowes Ruf als hervorragende Näherin sprach sich schnell herum. Mit dem Wunsch ihre Fähigkeiten zu verbessern, machte Sie sich auf den Weg nach New York und schrieb sich an der S.T. Taylor Design School ein - etwas, dass als schwarze Frau damals nicht ganz einfach war. Weiße und schwarze Studenten wurden getrennt unterrichtet, aber auch das hielt sie nicht auf: sie überzeugte als hervorragende Studentin, schloss ihr Studium sogar vorzeitig ab und eröffnete ihr eigenes Geschäft in Harlem. 


Anne Lowe kommt aus einer Familie von Näherinnen und brachte dieses Familienerbe auf ein neues Level


New Yorks Geheimtipp


Es dauerte nicht lange, bis Lowe in der High Society von New York Fuß fassen konnte - zu ihren Stammkunden gehörten die Rockfellers, die Roosevelts, die Du Ponts und weitere bekannte Namen. Kunden aus der amerikanischen Oberschicht standen Schlange: ihr handwerkliches Können und vor allem ihre kreative Gestaltung passten perfekt zu den gehobenen Ansprüche ihres Klientels. Lowe kleidete sie alle ein, egal für welchen Anlass. 


Elizabeth Way ist Kuratorin im Museum at FIT (Fashion Institute of Technology) und sie beschreibt Lowes Technik als Haute Couture. Was meint sie damit? Geraffter Tüll und Leinen zum Absäumen, zierliche Spitzenaccessoires, handgenähte Schleier aus Organza und hauchzarte Details, um die perfekte Wirkung zu erzielen. „Ihre Kunden waren so beeindruckt, dass sie Lowe immer und immer wieder beauftragten. Sie war stolz auf die Anerkennung aus diesen Kreisen und gab zu, selbst ein „schrecklicher Snob” zu sein: „Ich liebe meine Kleider”, sagte sie einmal im Interview mit der Zeitschrift Ebony, “und ich finde es wichtig, wer sie trägt. Ich bin nicht daran interessiert, für den Mittelstand oder sogenannte Neureiche zu nähen.”


Talent und Stolz


Unter den vielen hochdekorierten Kunden, für die Lowe arbeitete, waren auch die Bouviers. Janet Lee Bouvier beauftragte Lowe damit, ein Hochzeitskleid für ihre Tochter Jacqueline und deren Brautjungfern zu gestalten, was komplett am Interesse der Braut vorbeiging: die 24-Jährige war nach einer Frankreich-Reise von der feinen Ästhetik der dortigen Mode ganz verzaubert und hatte sich als Designerin jemand anderes vorgestellt. First world problems. Wie ging es dann weiter? Es war zwar ihre Hochzeit, aber die Entscheidungen über die Einzelheiten traf der Vater des Bräutigams, Joseph Kennedy. Und der entschied sich für Lowe als Designerin, sein letztes Wort.


Zwei Monate lang arbeiteten Lowe und ihr Team an dem Kleid, es sollte schließlich ein Meisterwerk werden. Dann geschah die Katastrophe: Im Atelier gab es einen Rohrbruch und 10 der 15 Kleider wurden zerstört, darunter auch das Kleid der Braut - 10 Tage vor der Hochzeit. Es half nichts: Sie und ihr Team krempelten die Ärmel hoch und schafften es tatsächlich, neue Kleider zu machen. Der Schaden, den Lowe natürlich selbst tragen musste, belief sich auch 2.200$, was heute ungefähr 21.000$ wären.



Ann Lowe designte das Brautkleid von Jackie Kennedy, wurde aber nicht als Designerin erwähnt. Bildquelle: Wikimedia Commons.

Bei der Lieferung der Kleider in den Hochzeitssaal wurden sie aufgehalten und angewiesen, durch den Hintereingang zu gehen. Laut dem Smithsonian weigerte sich Lowe mit den Worten „entweder gehen die Kleider mit uns durch die Vordertür oder sie gehen mit uns zurück nach New York”. 


Die Hochzeit war das gesellschaftliche Ereignis des Jahres und natürlich war auch das Kleid wunderschön und märchenhaft. Jackie, die Braut, war nach wie vor wenig begeistert. Auf die Frage nach dem Designer entgegnete sie beiläufig: „Ich wollte eines aus Frankeich, aber dann wurde es doch eine farbige Schneiderin”. Lowe war am Boden zerstört.


Verspätete Anerkennung


Lowe war eine hervorragende Designerin und Schneiderin, wurde von ihrer Kundschaft aber oft ausgenutzt und geringschätzt. Man zahlte ihr weniger als den weißen Designern und sie erhielt keine Anerkennung dafür, dass sie das Kleid für die First Lady entwarf - normalerweise ein Garant für Anerkennung und Aufträge, jedoch nicht im Falle von Lowe.


Heute ist das anders. Heute erhält sie die verdiente Anerkennung als Pionierin der Haute Couture als schwarze Frau. Ihre Kreationen sind erhalten geblieben und befinden sich in den Sammlungen renommierter Museen, wie dem Smithsonian National Museum of African American History and Culture, dem Metropolitan Museum of Art, dem Museum der Stadt New York und dem Museum at FIT. 



Lowe überwand den Rassismus, um ihren beruflichen Zenit zu erreichen. Bildquelle: Evening Post, 1962

Obwohl Lowe eine Meisterin ihres Fachs war, liefen die Geschäfte immer schlechter und sie musste schließlich Konkurs anmelden. Sie hatte Schulden und Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen, bis etwas Ungewöhnliches geschah: ein anonymer Spender zahlte die Hälfte ihrer Schulden, wodurch sie aus dem Gröbsten heraus war. Gerüchten zufolge war es niemand anderes als Jacqueline Kennedy Onassis.


Ann Lowe war eine Frau, die im Angesicht großer Ungerechtigkeiten, Entbehrungen und Schwierigkeiten in der Lage war, weiter zu machen und Lösungen zu finden. Wie Julia Faye Smith, die Autorin von Lowes Biografie, es ausdrückt, „bewies sie, dass Designer ihrer Hautfarbe, egal welcher Hautfarbe, es zu großem Ruhm bringen können. Sie wusste, wozu sie fähig war, und sie arbeitete ihr ganzes Leben lang daran, das zu erreichen".

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