Geschichte

So sind Trauer-Kochbücher in Wirklichkeit eine Hommage an das Leben

Von Tom | 29. Oktober 2020


In vielen Kulturen liegen Sterben und Essen dicht beieinander und diese Verbindung hat eine lange Geschichte, die teilweise in Form von Kochbüchern niedergeschrieben wird. Trauer-Kochbücher bieten die Möglichkeit, die Lieblingsgerichte der Verstorbenen zu verewigen und so schöne Erinnerungen zu bewahren. Was für einige vielleicht etwas makaber klingt, ist - wie der Bücherexperte Kurt Sachli erklärt- eine trostspendende und sentimentale Lektüre.


Bei Geburtstagen und Hochzeiten wird bei uns oft mit großem Brimborium aufgefahren: verzierte Einladungen, persönliche Gastgeschenke oder dekorierte Tische und ein hübsch verzierter Tagesablauf am Eingang; all das wird handverlesen für die Feierlichkeit ausgesucht. Wir kennen das. Und in Thailand kann man all diese Dinge auch erwarten, allerdings bei einer Beerdigung. 


In Thailand ist das „Kremationsbuch” (oder auch „Beerdigungsbuch”) zu einer festen Tradition bei Beerdigungen geworden. Die Familienangehörigen verteilen kleine Büchlein an die Gäste, in denen ein kurzer Lebenslauf des Verstorbenen und seine größten Interessen beschrieben werden - die Essenz der wichtigsten Stationen, Leidenschaften und Dinge, die zu Lebzeiten passierten und gelebt wurden. Diese Trauerbücher erzählen viele schöne Geschichten von früher, auch kulinarische, denn in dem Buch sind auch die Lieblingsrezepte der Verstorbenen aufgenommen. 



Aus den „Kremationsbüchern” und „Beerdigungsbüchern” aus Thailand entwickelten sich die Trauer-Kochbücher von heute

„In vielen Kulturen ist es wichtig, nach einer Beerdigung noch zusammen zu sein”, so Kurt. „Und Essen hat diese Kraft, Menschen zusammen zu bringen. Essen ist gesellig, sozial, es verbindet und es fördert das Wohlbefinden und die Gemeinschaft. Zu Ehren des Verstorben zu essen und zu trinken kann also sowohl die Anwesenden verbinden als auch einen verstorbenen Menschen würdigen. Und da liegt ein Kochbuch doch sehr nahe. Diese Büchlein sind eine sentimentale und auch humorvolle Hommage an einen Menschen und erzählen von früher, voller Anekdoten, Nachrufe und Erinnerungen an eine Zeit, in der man noch gemeinsam am Tisch saß.” 


Das Beerdigungsbuch wird zum Kochbuch


In Thailand wurden bei einer Beerdigung die „Beerdigungsbüchlein” verteilt, woraus sich irgendwann ein Beerdigungskochbuch entwickelte. Die genauen Ursprünge sind nicht ganz klar, Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass sie aus einer Tragödie heraus entstanden sind. 


Im Jahr 1880 war die thailändische Königin Sunandha Kumariratana gemeinsam mit ihrer Tochter im königlichen Boot auf dem Weg zum Sommerpalast in Bang Pa-In. Das Boot kollidierte mit einem Dampfschiff und beide kenterten. Für den weiteren Verlauf gibt es verschiedene Varianten was passiert sein soll. Einem alten Gesetz nach durfte man die Mitglieder der königlichen Familie nicht berühren, somit auch nicht retten. Eine andere Variante berichtet von einem Rettungsversuch durch die Besatzung. In beiden Fällen nahm die Geschichte kein gutes Ende und beide verstarben. 


König Chulalongkorn (Rama V.), der vor Trauer über den Verlust seiner Frau und seiner Tochter tief erschüttert war, rief zu einer opulenten und prunkvollen Beerdigung auf, wie es sie noch nie zuvor gegeben hatte. 10.000 Exemplare des Beerdigungsbuches ließ er drucken, um den beiden zu gedenken. Darin waren zwar noch keine Rezepte enthalten, aber mit dieser Beerdigung war das Nangsu Anuson Ngansop (das Gedenkbuch zur Beerdigung) erfunden. 



Massaman Curry ist eines der vielen bekannten Rezepte, die aus den Kochbüchern für Beerdigungen stammen

Ab wann tauchten dann die Rezepte in den Büchern auf? Das war erst im 20. Jahrhundert soweit. In der thailändischen Adelsschicht wurde die Idee von König Rama V. wohlwollend aufgenommen, sodass die Beerdigungsbücher stetig mehr Anklang fanden, aber zunächst nur in bestimmten Kreisen: der Adel nutzte die Bücher natürlich auch, um sich darzustellen und abzuheben. König Rama V. hingegen empfand diese Büchlein schnell als eintönig, so wurde es im Jahre 1904 dokumentiert, und er regte an, diese Bücher interessanter und geistvoller zu gestalten. Für ein Land wie Thailand liegt das Essen natürlich sehr nah - dort werden Lebensmittel weniger als Grundbedürfnis wahrgenommen werden, sondern haben eine tiefe gesellschaftlich-soziale Verankerung. 


„In Beerdigungsbüchern wurden viele Themen aufgenommen, die zum Leben des Verstorbenen passten”, so Kurt. „Aber das Thema Essen bekam einen stets höheren Stellenwert. Es ist einfach etwas, das zu jedem passt, vor allem aber für Frauen, die in damaliger Zeit primär im Haushalt tätig waren. Auf Rezepte war man stolz, sie waren kulturell bedeutsam und mit Rezepten grenzte man sich auch von anderen Familien ab. Die individuellen Eigenheiten und die familienhistorische Bedeutung der Rezepte wurden dann häufig in diesen Beerdigungsbüchern niedergeschrieben.” 


Rezepte und der Tod


Der Tod und das Essen sind eng miteinander verbunden, aber nicht erst seit den Kochbüchern. Diese Verbindung gab es bereits im antiken Griechenland. Nehmen wir zum Beispiel ägyptische Hieroglyphen, die von Begräbnisfesten zu Ehren der Toten erzählen. Wie Sarah Chávez von Nourishing Death beschreibt:


    Das Essen, wenn es sich auf den Tod bezieht, hat im weitesten Sinne drei verschiedene Funktionen: Die Trauernden essen, um sich selbst zu beköstigen. In einigen Fällen gibt man das Essen auch an den Verstorbenen, kulturell bedingt zum Beispiel, um sie auf dessen Reise zu unterstützen. Und schließlich die dritte Funktion, um die Natur, also die Tiere und Pflanzen, zu nähren. Alle drei nehmen in der Trauer eine wichtige Rolle ein.



Die Bedeutung von Essen geht über das Trösten der Lebenden hinaus - es ist auch eine Ehrung der Verstorbenen

Welches Essen, welche Rezepte kann man in einem solchen Kochbuch erwarten? Das Massaman Curry zum Beispiel entstammt einem Trauer-Kochbuch- ein Rezept, das es bis nach Europa geschafft hat und das wir als Teil der thailändischen Küche kennen. Das Rezept, das von der Familie Bunnag über ihr Trauer-Kochbuch weitergegeben wurde, stammt ursprünglich vom persischen Scheich Ahmad, ein Gewürzhändler. Gerichte wie das Massaman und Biryani-Eseque Khao Buree wurden auf die Weise überliefert. 


Thailand ist nur ein Beispiel und bei Weitem nicht das einzige Land und die einzige Kultur, die Trauer-Bücher kennt. Im Süden der USA zum Beispiel ist es ein normaler Bestandteil der Kultur, dass Literatur und Tod zusammengehören - daraus ist auch die Gothic Fiction-Szene entstanden, die viele Anhänger hat. Essen und Familie sind dort wesentlich miteinander verknüpft, sodass auch das Kochen bei Beerdigungen Teil des Lebens ist. Eine Lebensweise, die Perre Coleman Magness zu dem Buch The Southern Sympathy Cookbook inspirierte. Die Rezepte darin unterscheiden sich natürlich deutlich von den thailändischen, nicht aber die Liebe zum Leben und zum gemeinsamen Essen. Mit Käse überbackene Kartoffelspalten und frittiertes Hähnchen werden auf den dortigen Beerdigungen gereicht. Das Essen ist einfach, jeder mag es und - auch hier- das gemeinsame Essen kann tröstlich sein. 



Das Trauer-Kochbuch von Alan Davidson. Auf dem Umschlag ist das Logo, das Alan jedes Jahr auf die selbstgemachte Marmelade für seine Familie geklebt hat

„Meine Lieblings-Trauer-Kochbücher aus heutiger Zeit sind Death Warmed Over von Lisa Rogak und Funeral Food von Sandra Truilljo. Auch wenn diese Bücher das Kochen für Beerdigungen aus kultureller Sicht betrachten, zeigen sie auch, wie sehr die Intimität des gemeinsamen Essens unser Leben beeinflussen kann”, erzählt Kurt. „Wir hatten erst kürzlich ein Trauer-Kochbuch in der Auktion: Alan Davidson hat seine Lieblingsrezepte zusammengestellt und schon vorbereitet, wie sie auf seiner Beerdigung verteilt werden sollten. Für den Umschlag wählte er das Logo der Marmelade, die er jedes Jahr für seine Familie gemacht hat, bis zu seinem Tod.”


Trauer-Kochbücher sind individuell einzigartig, weil sie die jeweilige Vorstellung von Leben und Tod auf lebhafte Weise zusammenbringen. Lebensmittel und das gemeinsame Essen sind seit jeher fester Bestandteil der Lebenden und des sozialen Miteinanders. Diese Trauer-Kochbücher konservieren Kultur und Familiengeschichte auf eine besondere Weise, die über das Leben hinausgeht. Wenn wir sterben, könnten es also unsere Rezepte sein, die bleiben. 


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