Geschichte

Zirkusplakate: eine kleine Erinnerung an eine verlorene Kunstform

Von Tom | 7. Oktober 2020


Das Wort Zirkus löst bei uns viele artistische und künstlerische Assoziationen aus, aber das Poster kommt einem wohl nicht als erstes in den Sinn. Zirkusplakate waren wegen ihrer Kunstfertigkeit bemerkenswert, tatsächlich sind sie frühe Beispiele für gutes Marketing. Damit wir diese verkannte Kunstform wieder in Erinnerung rufen, haben wir uns den Fotografen und Zirkusplakat-Sammler Piet-Hein Out zur Unterstützung geholt.


Am 31. Januar 1967 ging John Lennon in ein Antiquitätengeschäft und kaufte ein Werbeplakat für den Pablo Fanque Circus Royal, den bedeutendsten Zirkus des 19. Jahrhunderts. Fasziniert von der Gestaltung und dem Design, inspirierte es Lennon dazu, ein Lied für die Beatles zu schreiben: der Titel „Being for the Benefit of Mr. Kite!" erschien auf der hochgelobten Platte Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Club Band. Die größte Anerkennung ging vor allem an den Sound und die Produktion, aber auch der Text war interessant: im Lied werden bedeutende Zirkuskünstler besungen und es wird auch die besondere Wirkung vermittelt, die Zirkusplakate auf die Zuschauer hatten. 


„Zirkusplakate sind in ihrer Darstellung einzigartig: sie zeigen das kulturelle Phänomen Zirkus“, erklärt Piet-Hein. „Wo sonst als im Zirkus kann man Zeuge unglaublicher menschlicher athletischer und akrobatischer Kunststücke werden, die auch noch mehrmals an einem Tag aufgeführt werden? Ein Ort, an dem man enge Beziehungen zwischen Tieren und Menschen erleben kann. Der Zirkus ist ein Ort der Ehrfurcht und des Staunens“.


Die Anfänge des Zirkus

 

Historiker diskutierten jahrelang über die Ursprünge des Zirkus. Heute ist der allgemeine Konsens, dass der moderne Zirkus im Jahr 1768 im Vereinigten Königreich mit dem Reiter Philip Astley begann. Astley, der schon in jungen Jahren ein begeisterter Pferdeliebhaber war, begründete die früheste Form des Zirkus, als er eine Show rund um Reitkunststücke organisierte. Nach und nach führte er neben seiner eigenen Show mit Pferden auch Akrobatik und Clowns ein und -sehr bedeutend- die kreisförmige „Manege", die das Zirkusbild auch heute noch prägt. 



Zirkusse waren das Tor zu einer phantastischen Welt- und das in einer Zeit, in der man kaum reiste

Zirkusse wurden immer beliebter und begannen, auf Tour zu gehen. Mit der Reisebereitschaft der Zirkusse wuchs auch die Notwendigkeit, sich zu vermarkten. Damals im 18. und 19. Jahrhundert boten Zirkusse den Menschen eine einmalige Möglichkeit, aus der Realität in eine erstaunliche Phantasie zu entfliehen. Wir sprechen von einer Zeit, in der Menschen oft am selben Ort zur Welt kamen, lebten und auch starben. Der Zirkus gab den Menschen vor Ort die Möglichkeit, etwas Neues und Bemerkenswertes zu erleben- ein mobiles Universum, in das man kurzfristig entfliehen konnte. Zirkusse waren oft nur für ein oder zwei Tage an einem Ort, also musste man durch Werbung nicht nur ein Gefühl der Vorfreude kreieren, sondern auch der Dringlichkeit, damit die Zuschauer auch kamen. Die Organisatoren des Zirkus waren sich dessen bewusst und belebten die Freude auf diese besondere Erfahrung in Form von Plakaten.  


Die Stimmung entscheidet


Der Zirkus war so vielfältig und komplex, dass es nicht leicht war, sein ganzes Wesen auf einem Plakat unterzubringen. Deshalb gab es Zirkusplakate auch in verschiedenen Stilen, erzählt uns Piet-Hein. „Natürlich gibt es Darstellungen von Akrobaten, Clowns, Tieren, aber nicht unbedingt alle zusammen auf einem Plakat. Manchmal wurden mehrere verschiedene Plakatbilder gleichzeitig veröffentlicht, um die verschiedenen Aspekte des Zirkus zu vermitteln; ein Trick, den moderne Marketeers wahrscheinlich wegen mangelnder Markenbekanntheit ablehnen würden“. 


Zirkusmanager wandten einige der frühesten Taktiken des innovativen Marketings an, wenn auch manchmal mit fragwürdigen Methoden: Potenzielle Kunden erhielten Plakate in ihren Briefkästen und sahen sie fast zudem auf jeder Plakatwand in der Stadt. Diese (Auf-)dringlichkeit war aber notwendig, da ein Zirkus ja nur für ein bis zwei Tage pro Jahr vor Ort war. Außerdem gehörte ein bisschen Übertreibung dazu. Schlagzeilen wie „Die größte Show der Welt", fett gedruckt und in farbenfroher Schrift, waren Methoden, um die Menschen zu überzeugen und zu begeistern. Die Plakate vermittelten also Kunstfertigkeit und die erforderliche Dringlichkeit, aber sie waren auch frühe Beispiele für stilisierte Drucktechniken unter Einsatz der Lithografie, welche den Zirkusplakaten ihr lebendiges, farbenfrohes Aussehen verliehen. 



Bei Zirkusplakaten setzte man auf ein bisschen Prunk und Effekthascherei. Um Besucher anzuziehen, gehörten Übertreibungen dazu

Obwohl Zirkusplakate für ihre Farben, Tierbilder und ihre karnevalsartige Atmosphäre bekannt sind, wurden sie nicht nur wegen ihres ästhetischen Reizes gesammelt. „Zirkusplakate sind so außergewöhnlich, weil sie seit langem die Gesellschaft und ihre Ansichten widerspiegeln“, erklärt Piet-Hein. „Einer der Schwerpunkte in meiner Sammlung sind originale sowjetische Zirkusplakate. Würde ich diese neben amerikanische Zirkusplakate aus den 50er und 60er Jahren hängen, könnte man eine Welt voller deutlicher, teils krasser Unterschiede in Stil, Motiven und Themen erkennen“.


„Für mich persönlich sind die sowjetischen Zirkusplakate eher wie Kunstwerke und ich empfinde sie als moderner als die amerikanischen Zirkusplakate. An fliegenden Raketen hängende Akrobaten, die den sowjetischen Traum von der Weltraumherrschaft repräsentieren. Weit entfernt vom traditionelleren Stil des amerikanischen Zirkus. Das alles zeigt, wie sehr die Gesellschaft den Zirkus und die Gestaltung von Zirkusplakaten beeinflusst hat und immer noch beeinflusst“.


Darstellung und Image


Zirkusplakate sind nicht nur ausgezeichnete künstlerische Arbeiten, sondern tragen auch dazu bei, Missverständnisse und Stereotypen im Zirkus zu korrigieren. „Ich denke, dass dem Zirkus von Buchautoren und von der Hollywood-Industrie oft Unrecht getan wurde“, sagt Piet Hein. „Die Coulrophobie (die Angst vor Clowns) hat wegen Horror-Clowns wie bei Stephen King die Wahrnehmungen und das Images des Zirkus verändert. Der Zirkus wurde so überdramatisiert und stereotyp dargestellt, dass er nicht mehr die eigentliche Zirkuswelt repräsentierte. Allein, dass man das Wort Zirkus als Synonym für chaotische Situationen verwendet, ist an sich schon diskriminierend, und entspricht keineswegs der Realität: Die organisatorischen Abläufe und die Logistik der Zirkusse Ringling Bros. Barnum und Bailey Circus waren so imposant und effektiv, dass das amerikanische Militär ihre Methoden studierte, um ihre eigenen Abläufe zu verbessern“. 



Clowns haben heute zu Unrecht ein unheimliches Image- auf den Plakaten von damals stellen sie sich ganz anders dar

Zirkusplakate wehren sich mit künstlerischer Integrität gegen diese Entwicklung. „Einige der größten Plakatgestalter der Welt haben auch Zirkusplakate entworfen“, sagt Piet-Hein. „Bell Geddes in den USA schuf eine Reihe von Plakaten für Ringling Bros Barnum und Bailey, während einige der besten polnischen Plakatgestalter Plakate für den polnischen Staatszirkus entwarfen. Ich betrachte Zirkusplakate nicht nur als Werbemöglichkeit, um anzukündigen, dass der Zirkus in die Stadt kommt. Ich sehe sie als eine Art Hommage an große Artisten und den Zirkus als Ganzes. Mir gefällt die Vorstellung, dass ich mit meiner Sammlung die Artisten und Zirkusse der Vergangenheit ehre und ihr Andenken lebendig halte“.


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