Leitfäden und Ratschläge

Eine Kurzanleitung zum japanischen Holzschnitt

Von Tom | 2. Juli 2020


Japan ist seit Langem für seine künstlerische Raffinesse bekannt, was an kaum einem anderem Medium besser deutlich wird als am Holzschnitt. In der japanischen Kunsthistorie beschäftigen sich diese großartigen Kunstwerke häufig mit Natur- und Vergnügungsszenen und stammen aus den Händen meisterhafter Kunsthandwerker*innen. Weil auch wir uns nicht satt sehen können, möchten wir diese Woche unsere Holzschnitt-Auktionen in den Vordergrund stellen. Dafür baten wir den Experten für asiatische Kunst, Giovanni Bottero, uns durch die Geschichte dieser raffinierten Kunstform zu führen.


Was bedeutet Ukiyo-e?

 

Ukiyo-e bedeutet wörtlich übersetzt soviel wie „Bilder der fließenden Welt” und ist eine Sammelbezeichnung für ein Genre, das eine breite Palette von Techniken, Medien und Themen umfasst. Dieses Teilgebiet dreht sich vor allem um das Leben in den Theater- und Vergnügungsvierteln der Edo-Periode (1600-1868). Der Begriff Ukiyo-e selbst ist eigentlich ein buddhistischer Ausdruck, der in seinem Ursprung als Warnung für die flüchtige Vergänglichkeit des Lebens entstand, jedoch in dieser Zeit Japans eine neue Bedeutung bekam. Das 17. Jahrhundert war vor allem durch den Aufstieg des Bürgertums geprägt, die Menschen eroberten die Großstädte (wie Edo = Tokio und Osaka) und der Begriff wandelte sich dahingehend, die Freuden des (Stadt-)Lebens zu genießen. 


Welche verschiedenen Arten des Holzschnitts gibt es?


Die Ukiyo-e-Künstler*innn waren geschickte Maler*innen und Buchillustrator*innen, erreichten ihren hohen Grad technischer Raffinesse aber erst mit der Kunst des Holzschnitts. Ohne diese Kunst wären die Kult gewordenen Bilder der „fließenden Welt“ nicht möglich gewesen. Wenn wir heute einen Nishiki-e, japanische Farbholzschnitte aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhundert, in den Händen halten, dann denken wir auch daran, welches Handwerk in ihm steckt und wissen diese Kunst zu schätzen. 



Zojoji-Tempel, Shiba, veröffentlicht von Watanabe - Kawase Hasui


Um einen Holzschnitt zu erstellen sind viele Arbeitsschritte nötig. Der Entwurf der Künstler*innen, die Arbeit der Schnitzer*innen, die jede Linie in einen Kirschholzschnitt ziselieren und die der Drucker*innen, die das weiche Licht des Sonnenuntergangs durch unterschiedliche Druckmethoden auf das Papier zaubern (eine Schattierungstechnik, die als Bokashi bekannt ist). Und letztendlich braucht es auch noch Verleger*innen, die sich auf das riskante Unterfangen einlassen, die Veröffentlichung einer Serie von Drucken zu finanzieren, auf denen Schauspieler*innen oder Kurtisan*innen abgebildet sind, um so für die glamouröse „fließende Welt" zu werben.


Welche Arten von Szenen werden oft dargestellt (z.B. Natur, Stillleben)?

 

Sammler*innen lieben an japanischen Farbholzschnitten vor allem, dass sie sich das Genre durch eine äußert große Vielfalt an Themen und Genres, Designs und Farben, Erfindungen und Witz auszeichnet. Ganz gleich, ob Sie sich für historische Figuren, Action, Abenteuer, Sex (von subtilen Anspielungen bis hin zu recht detailgetreuen Abbildungen), Landschaften, Schauspieler*innen, Dämonen, Held*innen und Schurk*innen interessieren, japanische Farbholzschnitte werden Sie immer überraschen und begeistern. 


Welche verschiedenen Arten von Farbholzschnitten gibt es?


Werke von Meistern wie Kitagawa Utamaro, Katsushika Hokusai und Utagawa Hiroshige finden immer begeisterte Sammler, aber auch Shin-hanga (neue Drucke) aus dem 20. Jahrhundert sind sehr beliebt. Was die Genres betrifft, so gehören Shunga (wörtlich „Frühlingsbilder") oder erotische Bilder vielleicht zu den beliebtesten. Eigentlich entwarfen alle Künstler*innen auch erotische Bilder, doch aufgrund der Zensur wurden die wenigsten dieser Werke mit einer Signatur versehen und auch weniger verbreitet. Ich glaube, es ist dieses Verbot, das dem Sammeln von Shunga eine gewisse Spannung verleiht.


Hierbei handelt es sich um eine Bijinga (Bild einer Schönheit) von Yoshitoshi


Wie wurden diese Art von Drucken in Japan der Edo-Zeit wahrgenommen?


Die Käufer*innen liebten es, dass sie die Schönheit Japans stellvertretend durch die Drucke erleben konnten. Es regte die Fantasie zu den berühmtesten Kurtisan*innen und populären Kabuki-Schauspieler*innen an. Noch wichtiger war, dass es Bilder für jeden Geldbeutel gab: Die meisten Drucke wurden in Massenproduktion hergestellt und in Buchläden direkt auf der Straße für den Preis eines Mittagessens gehandelt. 


Die idealisierte Vergnügungswelt, die vor allem die aufstrebende Edo-Mittelklasse als Zielgruppe hatte, beschäftigte aber auch die Shogunat (Militärregierung). Sie verbot wiederholt die Veröffentlichung erotischer Drucke, Theaterdrucke, die extravagante Schauspieler*innen verherrlichten, und solche, die sich ironisch über die Samurai-Klasse lustig machten. Trotz Zensur fanden viele Künstler*innen aber immer wieder kreative Wege, diese Verbote zu umgehen (berühmte Schauspieler*innen wurden sogar in einem Druck von Kuniyoshi auf Schildkröten geklebt). 


Wie wurde die westliche Kunst von diesen Drucken inspiriert?


Der japanische Farbholzschnitt hatte einen großen Einfluss auf europäische Künstle*innenr, besonders während der Blütezeit des Japonismus (Studium und Einfluss der japanischen Kunst). Viele einflussreiche europäische Künstler*innen verliebten sich in das Ukiyo-e. Claude Monet zum Beispiel soll eine Sammlung von 231 Grafiken zusammengetragen und so den „Wettlauf" um die „Entdeckung" japanischer Grafiken vorangetrieben haben. 



Dieser Druck stammt von Koson und trägt den Titel „Drei Lachse".


Zu den westlichen Künstler*innen, die vom Ukiyo-e beeinflusst wurden, gehören viele der Impressionisten, wie Edgar Degas, Vincent Van Gogh und Camille Pissarro. Beispiele gibt es zahlreich. Da wären Gemälde wie Monets „La Japonaise" und James Whistlers „Die Prinzessin aus dem Land des Porzellans", die die östliche Faszination des Westens imposant illustrierten. 


Ukiyo-e spielt in der japanischen Kunst eine große Rolle und ist immer populär geblieben. Wie hat sie sich weiter entwickelt?

 

Ukiyo-e war, bis zur Einführung der Fotografie, ein absolutes Massenprodukt. Die Ukiyo-e-Künstler*innen der späten Meiji-Periode (1868-1912) entwarfen die Drucke für Zeitungen und illustrierten so die Ereignisse der damaligen Zeit. Das ging solange, bis die Fotografie Einzug hielt und Ukiyo-e langsam ablöste. 


„Zentsû Tempel in Sanuki“ von Watanabe


Der Holzschnitt und seine Techniken erlebten jedoch ein Revival durch die Shin-Hanga-Bewegung, die um 1915 dank des Verlegers Watanabe Shozaburo begann. Etwa zur gleichen Zeit trug eine andere Bewegung namens sosaku hanga (wörtlich "kreative Drucke") dazu bei, die Popularität des Holzschnitts zu erhöhen. Diese Bewegung rückte das Handwerk und die individuelle Kreativität in den Vordergrund: Drucke sollten „selbst entworfen, selbst geschnitzt und selbst gedruckt" werden, womit die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Künstler*innen, Schnitzer*innen und Drucker*innen aufgehoben wurde.


Sind Holzschnitte heute noch beliebt?

  

Wenn man bedenkt, dass die Geschichte des Sammelns japanischer Farbholzschnitte im Westen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann, ist es bemerkenswert, dass die Popularität dieser Kunst seit über 140 Jahren weder im Westen noch im Osten abgenommen hat. Im Gegenteil. Im Laufe der Jahre hat die Popularität von Shin hanga und Sosaku hanga stark zugenommen und entspricht fast der Popularität der älteren Meisterwerke. 



„A Group of Herons in Snow“ von Ohara Koson


Während die meisten der kultigen Entwürfe, wie etwa Hokusais „Große Welle", in der Sammlerwelt weithin bekannt sind, ist es schwer zu sagen, wie viele Drucke von anderen, weniger bekannten Bildern gemacht wurden. Das bedeutet, dass Sammler*innen immer die Hoffnung hegen, einen neuen Druck zu entdecken und so die Begeisterung am Leben erhalten wird.


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