Geschichte

Der Buddha, der zum Symbol nicht-binärer Geschlechtsidentitäten wurde

Von Tom | 5. Juni 2020


Avalokiteshvara ist für Buddhisten eine wohlbekannte Figur. In ihrer Religion gilt er als Bodhisattva des Mitgefühls und soll diejenigen, die zu ihm beten, Hilfe und Beistand zukommen lassen. Im Laufe der Jahre hat sich Avalokiteshvaras Form und Geschlecht sehr verändert und wurde inzwischen zu einem Symbol für die moderne Trans-Bewegung. Um mehr darüber zu erfahren, baten wir den Experten für asiatische Kunst Wim van Stormbroek, uns mehr zu diesem rätselhaften Kult zu erzählen.


Avalokiteshvara (zu Deutsch: der Herr, der (die Welt) betrachtet) ist eine Figur des Buddhismus, der man besonders häufig begegnet. Man findet ihn in dutzenden von Tempeln, von China bis Korea und, je nach Land, oft in unterschiedlichen Formen. In China ist Avalokiteshvara als die weibliche Göttin Guanyin bekannt, was soviel wie „die Göttin der Barmherzigkeit" bedeutet, während sie in Tibet die männliche Form von Chenrezig annimmt. Die Fähigkeit zur Geschlechtsumwandlung hat heute dazu geführt, dass der Buddha so etwas wie ein Aushängeschild für Transgender und für nicht binäre Geschlechteransichten (diejenigen, die sich weder als ausschließlich männlich noch als weiblich identifizieren) geworden ist. 


Die Ursprünge von Avalokiteshvara


Avalokiteshvara hat sich Hand in Hand mit dem Buddhismus entwickelt. „Avalokiteshvara wird in China und einigen wenigen Nachbarländern als weiblich wahrgenommen, aber nicht von der Mehrheit der buddhistischen Welt", erklärt Wim. „Um diese Wandlung vollständig verstehen zu können, muss man sich zunächst über die buddhistischen Ursprünge von Avalokiteshvara informieren". 


Avalokiteshvara wird oft mit 1000 Armen gezeigt, um so möglichst vielen Menschen helfen zu können


Der Buddhismus entstand erstmals im 5. Jahrhundert v.u.Z. in Indien, lange bevor die ersten buddhistischen Strömungen in China auftauchten. „Dort angekommen, entwickelten sich die Gedanken und Philosophien der Religion weiter“, erklärt Wim. Ungefähr in diesem Zeitraum wandelte sich Avalokiteshevera in die Form von Guanyin.  


“Die enge Beziehung zwischen Gläubigen und Guanyin-Ikonen, die einem frühen Wunder entstanden (ein Geschichte über Buddhas übernatürliches Sein), waren wahrscheinlich grundlegend dafür, dass sich die historische Figur [Avalokiteshvara] in eine weibliche Göttin verwandelte“, erzählt er. “In den meisten Erzählungen über Wunder wird Guanyin als Mönch gesehen, der in den Träumen oder Visionen des Gottgeweihten erschien. Der Bodhisattva erschien danach immer mehr entweder als "Person in Weiß" (baiyiren白衣人), was vielleicht auf seinen Status als Laien hindeutet, oder als "Frau in Weiß" (baiyifuren 白衣婦人), was auf ein weibliches Geschlecht hinweist. Aber es besteht eindeutig ein Zusammenhang zwischen den sich verändernden Formen des Bodhisattvas, die in den Visionen und Träumen der Gottgeweihten auftauchten, und der Entwicklung neuer ikonographischer Darstellungen". 



Guanyin als chinesische Göttin des Mitgefühls


Die Kunst war ein bedeutendes Medium, über das das chinesische Volk mit Guanyin in Kontakt kam. "Es war die Kunst, die am deutlichsten die allmähliche, aber nicht zu leugnende Geschlechtertransformation der Bodhisattva dokumentiert", sagt Wim. "In den buddhistischen Schriften wird der Bodhisattva entweder als männlich oder als asexuell dargestellt, aber dann geschah irgendwann im 10. Jahrhundert eine tiefgreifende und erstaunliche Transformation dieser Gottheit. Im 16. Jahrhundert war Guanyin nicht nur vollständig chinesisch geworden, sondern auch die beliebteste "Göttin der Barmherzigkeit". 


Moderne Trans-Symbolik


Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Spekulationen darüber, warum Bodhisattva sich der Geschlechterdefinition widersetzte (kulturelle Normen wie die Wahrnehmung des Mitgefühls als weibliche Eigenschaft sind ein Beispiel dafür), aber die zeitgenössische Kritik hat sich meist darauf konzentriert, dass Geschlechtstransformationen nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. "[Diese Transformation] war etwas, das organisch durch die Geschichte hindurch geschah", erklärt Wim. "Erst in unserer Zeit hat man begonnen, darüber zu diskutieren". 



In Japan ist Avalokiteshvara auch als Kannon bekannt- Göttin der Barmherzigkeit


Gender-Performativität entwickelt sich vorwiegend als eine Struktur, die unsere Identität bindet. Das ist einer der vielen Grundsätze des Buddhismus. "Es ist gut, sich vor Augen zu halten, dass die Menschen im Buddhismus an die Reinkarnation im Kontext eines/einer Bodhisattva glauben, der möglicherweise männlich oder weiblich ist. Vor nicht allzu langer Zeit erklärte der Dalai Lama - der eine Reinkarnation von Avalokiteshvara ist -, dass der nächste Dalai Lama möglicherweise eine Frau sein könnte. Wenn sich eine Frau als nützlicher erweise, könne der Lama sehr wohl in dieser Form reinkarniert werden." Tatsächlich stand das Mitgefühl Buddhas schon immer im Mittelpunkt. So sehr, dass Avalokiteshvara in interreligiösen Dialogen oft als ein seltsamer asiatischer Christus zitiert wird, die die eigene Himmelfahrt verschieben würde, um anderen zu helfen.


Die Bedeutung von „Queer“-Vorbildern


Transstimmen werden glücklicherweise immer lauter und da ist es naheliegend, dass alte Figuren wie der Bodhisattva neu erfunden werden. Für nicht-binäre Personen kann Avalokiteshvara als ein Symbol des Trostes verstanden werden; als ein Beweis, dass es möglich ist, sich über eine Identität hinaus zu bewegen und in einer Welt zurechtzukommen, in der Menschen oft Geschlechterrollen übernehmen müssen. Für religiöse Menschen, die sich als transsexuell identifizieren, wird die Bodhisattva in bestimmten Kreisen als eine Bestätigung der Illusion des Geschlechts in der Religion gelesen - dass die Transzendierung des Geschlechts ein Teil eines Prozesses sein kann, um das Nirwana oder den Himmel zu erreichen, und dass der Körper nur eine Last ist, ungebunden an die Spiritualität.  



Avalokiteshvaras Name übersetzt: „Der die Klagen des Leidenden hört“


Eine etwas mehr poetische Interpretation des Bodhisattvas bezieht sich auf dessen Namen. In der wörtlichen Übersetzung nimmt dieser „die Klänge der Welt“ und die „Klagen der Leidenden“ wahr. Dies ist eine Figur, die ihren eigenen Eintritt in den Himmel hinauszögert, um anderen noch helfen zu können. Für viele trans- und nicht-binäre Menschen auf der ganzen Welt gehört es zur gelebten Erfahrung, Unterschiede in den anderen anzuerkennen und dazu beizutragen, Respekt und Verständnis in einer Welt zu fördern, die dies oft nicht im Gegenzug zu geben bereit/ in der Lage sind. Der Bodhisattva ist eine passende Figur für transsexuelle Menschen, um uns alle daran zu erinnern, mitfühlend zu leben. Wim stellt jedoch fest, dass wir uns, wie bei jedem religiösen Symbol und besonders bei einem solchen, immer der Aneignung und Interpretation bewusst sein sollten. "Es ist wichtig, aufmerksam zu sein, wenn man die Geschlechtsidentität des Bodhisattvas betrachtet und ihn in den Transgender-Kontext stellt, da dies doch vor allem eine westliche Interpretation eines östlichen Idols ist". 


Es gibt nur wenige sichtbare Trans-Ikonen in der Geschichte und noch weniger, die so verehrt werden wie Avalokiteshvara. Die Möglichkeit, einen Teil von sich selbst in der Vergangenheit widergespiegelt zu sehen, ist ebenso wichtig wie das, was in der modernen Welt gelebt wird. Und Avalokiteshvara hat in vielerlei Hinsicht als Spiegel für Transsexuelle gedient und geholfen, indem sie ihre Gefühle und ihren Platz legitimiert hat - nicht nur in der Welt, sondern auch in der Geschichte.


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