Geschichte

Wie Jean Paul Gaultier die Grenzen der Geschlechterrollen neu definierte

Von Tom | 29. April 2020


Im Jahr 2020 kündigte Jean Paul Gaultier an, dass er von seiner Funktion als Kreativdirektor für seine gleichnamige Marke zurücktreten werde, um sich anderen Projekten zuzuwenden. Insgesamt verbrachte er 50 Jahre in der Szene und hinterließ ein bleibendes Vermächtnis, das dazu beitrug, Diskussionen über Gender-Konventionen in der Modewelt anzuregen. Irreversibel, aufrührerisch und oft zum Nachdenken anregend, ist Gaultiers Ansatz für immer unvergesslich. Zu Ehren dieses Visionärs diskutierte unsere Modeexpertin Eva de Vries mit uns darüber, wie Gaultier die Konzepte von Männlichkeit, Weiblichkeit und Mode neu erfand.


In den 1980er Jahren gab Gaultier der New York Times ein Interview, um über seine jüngste Kollektion - eine maßgeschneiderte Auswahl von Herrenröcken - zu diskutieren. „Einen Rock zu tragen bedeutet nicht, dass man nicht männlich ist", erklärte Gaultier. „Maskulinität definiert sich nicht über die Kleidung. Sie steckt in einem. Männer und Frauen können problemlos die gleiche Kleidung tragen und sich dennoch als Mann oder Frau definieren". Damals eine wirklich scharfzüngige und notwendige Feststellung. Männer trugen schon immer lange Röcke (Schottenröcke in Schottland und Chitons im antiken Griechenland). Die starke Abgrenzung unter den Geschlechtern in der Mode (und Gesellschaft) bildete sich erst im 20. Jahrhundert heraus. Die verschiedenen Rollenbilder, die im Haushalt entstanden, erstreckten sich auch auf die Kleidung. Gaultier war dies jedoch vollkommen egal. 


Enfant terrible der Mode


Woher stammt die Ignoranz der geltenden Konventionen? Eva sagt, es sei eine Balance zwischen seinem Hintergrund und einer natürlichen Frühreife gewesen. „Jean Paul Gaultier hat nicht nur die Männlichkeit neu definiert - er hat das Geschlechterthema und den Ästhetizismus in seinem Werk neu definiert. Da er nie eine formale Ausbildung durchlief, fiel es ihm leicht mit den konventionellen Themen zu brechen. Anzeichen für sein Potenzial gab es schon früh; er begann bereits seit seinem 18. Geburtstag in der Branche zu arbeiten und wurde von Pierre Cardin allein seines Talents wegen eingestellt". 



Als Gaultier männliche Models in Röcken auf den Catwalk schickte, löste er ein Erdbeben in der gesamten Branche aus


Cardin war weithin für seinen eher avantgardistischen Stil bekannt, ignorierte in seiner Damenmode häufig die Vorstellungen der weiblichen Form und zog es zumeist vor, sich auf Muster und geometrische Formen zu konzentrieren. Und einen großen Teil dieser Ideen hat Gaultier übernommen. „Tatsächlich sagte Gaultier, dass er sich selbst in seinen Entwürfen, die er für Cardin und später für Jean Patou entwarf, vorstellte und versuchte Mode zu machen, die die Damenwelt begeistert“, sagt Eva. 


Seine erste Kollektion brachte Gaultier 1976 heraus (bei der preiswertes geflochtenes Stroh in der Haute Couture zum Einsatz kam) und die nächste kam im Jahre 1981. Bis dato gelang es ihm, als das Enfant terrible der französischen Industrie bekannt zu werden. Vor allem, weil er Dinge wagte, die sich andere Designer nicht trauten. 


Matrosen, Röcke und Gesellschaft


Röcke für Männer und seine „Rabbi-Chic"-Herbst/Winter-Show 1993 waren nur einige der Konzepte, die ihrer Zeit voraus waren. Vor allem die Röcke wurden gefeiert und zugleich kontrovers diskutiert, weil er es schaffte zu polarisieren. Auf seinen Shows trugen Männer knackig geschnittene Rock-Anzüge, was in der zeitgenössischen Mode vollkommen neu war. Und seine Auseinandersetzung mit der orthodox-jüdischen Kultur war ein weiteres Beispiel für seinen kontroversen Geist. So wurden Kleidungsstücke, die als heilig bzw. bis dato als fast unantastbar galten, zu einem weiteren Spielfeld, auf dem er sich austobte. 


Gaultier gelang es fast mühelos, die geltenden Regeln in der Herrenmode zu verschieben. Seine frühe Kollektion bretonisch gestreifter Kleidung, der Marinière, fand seine Inspiration im Film Querelle. Dieser Film erzählt die homoerotische Geschichte eines belgischen Matrosen. Gaultiers fortwährende Bezugnahme auf diese einfache Kleidung und ihre Assoziationen erinnerte ihn an seine seit langem bestehende Überzeugung, dass Geschlecht von etwas herrührt, das jenseits unserer Kleidungswahl liegt. 



Der Marinière -Look war dem Film Querelle entlehnt



Seine Sicht der Dinge erstrecke sich auch auf die Weiblichkeit, sagt Eva. „Schauen Sie sich nur das berühmte Korsett an, das Madonna auf ihrer Blond Ambition-Tournee getragen hat. Genau, das mit den zwei Kegeln über den Brüsten. Einfach eine mutige, akzentuierte Version der frühen BH's, die in den 40er Jahren noch ein normales Kleidungsstück waren; eine Zeit, in der man von Frauen erwartete, dass sie sich zurückhaltender und im Hintergrund hielten. Und obwohl damals eigentlich Frauen die dominierende Bevölkerungsgruppe waren, weil sich ihre Männer im Krieg befanden, änderte das nichts am vorherrschenden Frauenbild. Der Madonnen-BH trug dazu bei, das eigentliche Stück neu zu belegen und damit ein Gefühl der Macht nach außen zu tragen". 


Mit all seinen Looks gelang es Gaultier, immer wieder einen Gesellschaftskommentar abzugeben. Und das ist, sagt Eva, was ihn auszeichnet. „Einen Gegenstand wie den alten BH zu nehmen, seine Geschichte umzuformen, ohne den Kontext zu verlieren, und daraus ein soziales Statement zu machen? Ja, das spricht für mich für jemandem mit einer echten kreativen Vision und großem Talent".


Der Kegel-BH von Gaultier ist einer seiner und Madonnas berühmtesten Looks


Goodbye Gaultier


Durch die Grenzen sprengende Natur seiner Kollektionen erzeugte Gaultier immer wieder große Aufmerksamkeit. Weniger bekannt ist jedoch, dass Designer, Publisher und Enthusiasten ihn lange Zeit auch für seine Schneiderkunst umworben haben. Einer von vielen anderen Gründen, weshalb er es so lange in einer Branche ausgehalten hat, die heutzutage echte Designer, aber auch Fast Fashion hervorbringt. 



Gaultiers letzte Show mit dem Titel „Goodbye Gaultier' war eine bombastische Feier seiner genrebrechenden Karriere


Seinen Abschied besiegelte er mit einer Show, die die Vielfalt seiner Kleidung und Modelle feierte, als einer der ersten Designer, der Models mit verschiedensten Körpertypen profilierte. Was von ihm immer in Erinnerung bleiben wird, ist die Veränderung, die er in der Industrie anstrebte, sagt Eva. „Ich war immer ein großer Fan von Designern, die Gegenstände oder sogar Ereignisse aus der Geschichte nehmen und eine zeitgenössische soziale Erzählung um sie herum aufbauen. Im Leben, in der Kunst und in der Mode geht es schließlich darum, zu lernen, die Welt aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten". 


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