Interviews

Dachbodengeschichten: Motoren und Einfallsreichtum mit Paola Lagnena

Von Tom | 2. April 2020


In unserer Serie über Verkäufer möchten wir Ihnen einige unserer inspirierendsten Verkäufer vorstellen. Für dieses Interview sind wir nach Italien gereist und trafen Paola Lagnena in ihrer Oldtimer-Werkstatt Gio Motori. Wie kam sie zu Catawiki? Und wie hat sich ihre Leidenschaft für Oldtimer entwickelt?


Ein dumpfes Dröhnen erklingt und Paola legt den Gang ein. Rasant fegen wir im marineblauen Lancia Fulvia die sonnenverwöhnte tyrrhenische Küste entlang. Wir befinden uns in der Küstenstadt Sperlonga in Italien. Direkt angrenzend befindet sich die mittelalterliche Stadt Fondi, die Heimat von Paolas Oldtimer-Werkstatt Gio Motori. „Oldtimer waren schon immer meine Leidenschaft", sagt Paola, während elfenbeinweiße Steinhäuser an uns vorbeiziehen. „Moderne Autos mag ich auch, aber ich neigte immer zu einem gewissen Retro-Stil.“



Durch den Umzug nach Sperlonga begann Paolas Karriere im Bereich Oldtimer


Wenn man Paola so zuhört, könnte man glatt vergessen, dass sie „nur“ von technischen Gegenständen erzählt. „Ich fühle für Oldtimer so etwas wie eine leidenschaftliche Liebe“, schwärmt sie. „Liebe, die man in den Wiederaufbau steckt, um besondere Wagen wieder zum Leben zu erwecken.“


Kindheit


Die Geschichte, wie Paola zum Thema Oldtimer kam, liest sich wie ein romantisches Drehbuch. Es begann mit ihrem Vater. „Meinem Vater verdanke ich alles. Er war gar nicht in der Autoindustrie beschäftigt, aber war ein großer Autoliebhaber und schraubte ständig an ihnen herum. Er begann mit einem alten Fiat 500 - der einzige Wagen, den ich anfassen durfte -, dann kamen ein Fiat 126, Alfa 75 und Duetto. Wenn er an den Wagen arbeitete, konnte man die Liebe und Hingabe in seinen Augen sehen. Ich habe Tage damit verbracht, die Schönheit dieser Autos zu bestaunen. Habe zu verstehen versucht, wie so ein Motor funktioniert und gelernt, wie man sie reparierte.“


Geboren und aufgewachsen in Neapel, wurde ihr erst durch einen Umzug nach Sperlonga bewusst, dass Oldtimer mehr als nur eine Leidenschaft waren. „Während des Studiums arbeitete ich in einer Werkstatt, dort im Büro traf ich auch meinen zukünftigen Ehemann. Seitdem handele ich mit Oldtimern und Motorrädern, nicht nur modernen Autos“, erzählt sie. 



Sowohl Vater als auch Ehemann beeindruckten sie mit ihrer Liebe zu Oldtimern


„Bevor ich meinen Mann traf, war ich in erster Linie Sammlerin. Und dann sah ich die Leidenschaft, mit der er Autos reparierte und sie an andere Sammler und Oldtimer-Liebhaber verkaufte. Meine Sicht auf das Thema Sammeln hat sich dadurch grundlegend geändert. Mir wurde auf einmal klar, dass ich alte Autos nicht nur reparieren und in meiner privaten Sammlung sehen wollte, ich wollte sie restaurieren und anderen Liebhabern die Möglichkeit geben, Freude daran zu haben.“


Handwerk

 

Angekommen bei Gio Motori, gegründet von Paolas Ehemann, bekommen wir eine Führung durch die Werkstatt. Links eine mintgrüne Vespa, daneben ein marineblauer Mercedes. Nur zwei der Fahrzeuge, die vom Gio Motori-Team, alle in roten Overalls gekleidet, gehegt und gepflegt werden. 

„Ich bin an der ganzen Restauration beteiligt“, erzählt Paola. „Bevor wie Hand anlegen, besprechen wir im Team, wie wir beim jeweiligen Wagen vorgehen. Sobald wir einen Plan ausgeheckt haben, beginnt das Handwerkliche und ich beaufsichtige fast alle Arbeitsschritte persönlich. Zum einen, weil es mein Job ist, zum anderen, weil ich es liebe, jeden Schritt im gesamten Prozess erleben zu können. Stück für Stück erwacht ein Wagen zu neuem Leben. Dabei entwickelt man eine echte Beziehung zum Auto.“



Das Team von Gio Motori ist klein und arbeitet eng zusammen. Eine Einheit auch in der Betriebskleidung


Beim Restaurieren bringt man auch ein Stück Persönlichkeit mit ein. Im Gegensatz zu modernen Fahrzeugen kommt es bei Oldtimern auf handwerkliches Können und auch Ideenreichtum an. Die Mechaniker beziehen Ersatzteile teilweise auch aus alten Autos. Wir fragten Paola, ob sie die Autos in ihrer Werkstatt im Grunde von neu auf erfinden würde, und sie stimmt zu. „Wenn wir mit einem Auto anfangen, beginnen wir bei Null, bei einem Stück rostigen Metall“, lacht sie. „Wir alle hier arbeiten dafür, dass die Wagen in neuem Glanz, nahezu neugeboren, erstrahlen können. Bei modernen Autos ist das anders: Die Stile sind im Grunde gleich, von einem Modell zum anderen werden nur Kleinigkeiten geändert, häufig sind es technische Details. Sie können durchaus solide sein, moderne Autos reichen aber nie an die Qualität von Oldtimern heran.“


Was ich mich aber noch frage: ist das übergeordnete Ziel eine Nachbildung der originalen Autos? „Was mich tatsächlich am meisten fasziniert - also neben der Technik -, ist, dass wir dem originalen Wagen verblüffend nahe kommen. Unser Ziel ist immer, die ursprüngliche „Persönlichkeit“ des Autos wieder herzustellen, bzw. wiederzugeben. Die Fahrzeuge, die wir restaurieren, tragen immer auch das Targa Oro-Label ", erklärt Paola. „Das bedeutet, dass wir es mit unserer Arbeit schaffen, an die gleiche Qualität, den gleichen Normen und Standards heranzureichen, die das Auto bei seiner Auslieferung hatte.“



Der marineblaue Lancia Fulvia ist einer von vielen Autos in der Ausstellung


Es ist ein Balanceakt zwischen alt und neu, zwischen klassischem Stil und persönlicher Note des Mechanikers. „Ein Handwerker muss seine erlernten Fähigkeiten einsetzen, aber doch auch seine persönliche Note einbringen“, sagt Paola überzeugt. „Es gibt viele Wege um einen Wagen zu reparieren - man muss nur herausfinden, welche für einen selbst der Richtige ist.“


Geltenden Normen zum Trotz


Was Paola und Gio Motori tun, ist an sich schon beeindruckend. Ebenfalls bemerkenswert ist aber, dass im Team drei Frauen arbeiten. Historisch gesehen ist die Welt der Automechanik sehr stark männlich dominiert, aber Paola scheint sich im Laufe der Jahre an dieses Ungleichgewicht gewöhnt zu haben. „Meinen Abschluss machte ich mit 18 und arbeitete dann in einer Firma, in der ich die einzige Frau war. Damals war es wirklich nicht ganz einfach, von Kollegen ernstgenommen zu werden. Inzwischen arbeite ich seit 15 Jahren in der Branche und das Ganze hat sich ein bisschen gewandelt. Ich bin für den größten Teil der Arbeit verantwortlich.“



Paola ist nicht nur in ihrem Job außergewöhnlich - als Frau in der Mechanikerwelt ist sie ebenfalls eine Ausnahme


Wenn man ihr zuhört, wie sie die technischen Aspekte ihrer Arbeit erklärt, stehen ihr Leichtigkeit, Freude und vertrauensvolle Zufriedenheit ins Gesicht geschrieben und das strahlt sie im gesamten Team aus. Und dennoch die Frage, ob sie noch mit Vorurteilen oder Bedenken von Kunden konfrontiert ist. „Ehrlich gesagt, ja", sagt sie dem Thema überdrüssig. „Die Zweifel kommen auf, wenn sie sehen, dass das Geschäft von einem Team von Frauen geführt wird. Aber sobald [Kunden] uns arbeiten sehen und sie sehen, wie gut wir vorbereitet und qualifiziert sind, ändert sich alles...“ 


Autoschrauben digital


Der Weg zu Catawiki war reiner Zufall. Die Arbeit von Gio Motori findet persönlich und natürlich vor Ort statt. Paola erzählt, dass sie zufällig über Catawiki gestolpert ist, als sie selbst auf der Suche nach einem Auto war. „Ich habe auf Catawiki einen Alfa Romeo gefunden, das war 2016. Vielleicht könnte das auch was für uns sein? Ich versuchte es einfach mal: ich habe ein Auto für die Auktion angeboten und seit dem wachsen wir immer weiter.“


Es gibt doch wirklich schöne Zufälle. Für Paola und ihren Mann bot Catawiki die Chance, ihr Geschäft über die lokale Kundschaft hinaus international auszubauen. Und es war auch ein hervorragendes Marketinginstrument. „Ich nehme mir für die Beschreibungen immer viel Zeit und sorge dafür, dass der Wagen akkurat und genau dargestellt wird, sodass das Produkt auch wirklich genau den Erwartungen des Käufers entspricht. Und ich füge auch Bilder vom Restaurationsprozess hinzu. Gerade die Bilder zu Beginn zeigen schön, wie viel Arbeit so eine Restauration wirklich ist.“



Teile des Geschäfts finden nun online statt, wodurch Paola viel Zeit investiert, die Wagen akkurat zu beschreiben und gute Fotos von ihnen zu machen


Das hohe Maß an Detailgenauigkeit und Handwerkskunst ist bei den Käufern nicht unbemerkt geblieben. „Wir hatten Kunden, die zunächst keine Autos gekauft haben, aber nachdem sie unsere Arbeit auf Catawiki gesehen haben, haben sie sich später doch mit uns in Verbindung gesetzt. Sogar andere Oldtimer-Verkäufer, die nach Ersatzteilen suchen, melden sich bei uns oder stehen auf einmal in der Tür.“ 


Die aktuelle Situation rund um COVID-19 schränkt auch hier die Tätigkeiten ein. Paola sagt, dass die Online-Präsenz auf Catawiki einen Unterschied macht. „Eine Plattform wie Catawiki zu haben, über die wir weiterverkaufen können, ist ein großes Glück. So können wir mit unserer Arbeit und unserem Geschäft weitermachen", erklärt sie. „In unserer Werkstatt vor Ort, kommen die Kunden normalerweise vorbei und geben uns einen Auftrag, aber derzeit sind natürlich alle eingeschränkt. Da wir auch online vertreten sind, können wir das Geschäft glücklicherweise weiterführen, auch wenn es zu Verzögerungen beim Transport kommen kann. Dadurch haben wir definitiv einen Vorteil gegenüber anderen Unternehmen, die nur offline arbeiten.“ 


Nostalgie


Zurück im Auto. Wir fahren zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man den besten Eindruck von Sperlonga bekommt, so Paola. Wir genießen einen Blick auf die Stadt. Die verwaschene Farbe des Februarhimmels taucht die steinernen Gebäude in ein sanftes Licht. Paola steigt aus dem Auto aus und geht zum Geländer, und ich folge ihr. Wir haben nun eine Weile miteinander gesprochen: ist es Nostalgie, die Paola in ihrer Arbeit mit der Leidenschaft verbindet? Oldtimer und Nostalgie sind inzwischen ja schon fast zu Synonymen geworden. Für Paola sind Oldtimer gleichermaßen universell als auch sehr persönlich. 


Oldtimer sind mehr als nur leidenschaftliches Projekt, Paola erinnern sie an ihren Vater und die gemeinsame Zeit


„Wenn ich einen Oldtimer sehe, erinnert mich das an meinen Vater und an all die guten Erinnerungen. Er ist inzwischen verstorben, aber wenn ich einen Oldtimer sehen, erlebe ich die Liebe und Zuneigung, die er in diese Autos gesteckt hat und die Leidenschaft, mit der er dieses Leben führte“, erzählt uns Paola. „Für einen kleinen Moment erlebe ich die Zeiten, die wir hatten, noch einmal. Und für einen kleinen Moment ist er dann wieder da.“

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