Interviews

Dachbodengeschichten: Das Fremde und der Charme von Ulrich Kortmanns ozeanischer Kunst

Von Tom | 20. März 2020


Wir setzen unsere Serie über unsere engagierten Verkäufer fort und stellen einige der inspirierendsten Personen vor. Wir besuchten Ulrich Kortmann und seine Galerie für Stammeskunst - eine der ganz wenigen ihrer Art in Deutschland - um herauszufinden, wie Catawiki ihm dabei hilft, seine Leidenschaft für die ozeanische Kunst zu verbreiten.


Grinsende Fratzen blicken von den Wänden herab und fügen sich mit wacklig aufgestellten Speeren zu einem seltsamen Gesamtbild. Auf der rechten Seite hängen kunstvoll gemusterte Platten neben Schnabelstatuen. In der Mitte liegt eine Steinschale, die so ziemlich alle notwendigen Materialien enthält, die man wohl für ein zünftiges schamanisches Ritual benötigt. Wenn man in die Kunstgalerie von Ulrich Kortmann kommt, fällt es einem schwer zu glauben, dass man sich hier mitten in Dortmund befindet. 



In Ulrichs Galerie finden Sie alles: von Tierskulpturen bis hin zu Stapeln von gezackten Speeren und Waffen


„Hier findet man von allem etwas", sagt Ulrich fröhlich. „Ich arbeite vor allem in der ozeanischen Kunst, mit Schwerpunkt Papua-Neuguinea. Aber wir machen auch ein bisschen afrikanische Kunst und auch mit der südostasiatischen Kunst kennen wir uns aus." Die Galerie ist randvoll mit den verschiedensten Objekten und Farben und jeder, der sich nicht auskennt, wird aus dem Staunen nicht herauskommen. Das sage ich auch zu Ulrich, der wiederum anfängt zu lachen. „Ich kann mir schon vorstellen, dass man sich, wenn man noch nie mit Kunst aus Neuguinea in Berührung gekommen ist, fragt, wieso es für so was einen Markt gibt. Diese Kunst hat sicherlich etwas Verrücktes an sich“, lacht er.  


Ulrich legt einen erfrischend selbstbewussten und trockenen Humor über seine Sammlung an den Tag. Aber wenn er sich neben mir auf das Sofa setzt und von seiner Sammlung umgeben ist, die verschiedene Stücke erklärt und vorstellt, dann kommt ein gewisser Sanftmut und ehrliche Faszination in ihm auf. „Es ist definitiv eine Nische. Aber für mich war es Liebe auf den ersten Blick". 


Der Sammler


In Deutschland geboren und aufgewachsen, kam er durch seine Reiselust mit der Kunst Papua-Neuguineas in Kontakt. „Es war eigentlich ein Zufall", erklärt Ulrich. „Ich bin sehr viel gereist, bis ich 1983 nach Neuguinea kam. Ich war in der Gegend von West-Papua, in dem Teil, der heute zu Indonesien gehört. Während ich dort war, boten mir die Einheimischen einige Schnitzereien an und ich war einfach fasziniert. Also kaufte ich einige der Arbeiten… und hörte irgendwie nicht auf. Das Ganze ging soweit, dass ich deutlich mehr Arbeiten besaß, als ich auf meinen Reisen jemals hätte transportieren könne. Am Ende musste ich in einer Küstenstadt jenseits der Grenze in Papua-Neuguinea eine Holzkiste bauen, um die vielen Stücke nach Hause zu verschicken. Dort angekommen, verkaufte ich meine ganze Sammlung an einen Interessenten.“



Ein spontaner Kaufrausch entfachte Ulrichs Liebe zur Stammeskunst – er sammelt sie bereits seit 1983


Ulrich war zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner Reiselust, von Afghanistan bis Indien, er war im Grunde überall. Eine besondere Begeisterung für die Kunst konnte er jedoch nicht wahrnehmen, bis er nach Papua-Neuguinea kam. „Bis dahin habe ich mich nie für Kunst interessiert und dann stieß ich auf diese wunderschönen Schnitzereien, die absolut nichts kosteten. So etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen.“ Ich frage ihn, ob dies in gewisser Weise der Anfang seiner Karriere war. „Ja und nein", sagt er ganz offen. „Ich wollte ein Unternehmen gründen, um meine Reisen zu finanzieren. Ich wollte eine Arbeit haben, für die ich auf Reisen konnte. Einen Monat arbeiten und den Rest des Jahres reisen, das ging damals noch!“. 



Die Entschlüsselung der Gesichter der vielen Masken und Statuen unterstreicht den fantastischen Charakter der ausgestellten Kunstwerke


Ulrichs Geschichte ist unbestreitbar abenteuerlich. Seine Besuche in Papua-Neuguinea dauerten in der Regel einen Monat und er war 23 Mal dort. Trotz der vielen Aufenthalte blieb ihm ein bestimmter Besuch besonders in Erinnerung, als er von Banditen als Geisel genommen wurde. Er selbst beschreibt diese Erfahrung sehr unaufgeregt. „Ich lebte in den Dörfern der Eingeborenen", erinnert er sich. „Heute geht das wegen meines Alters und meiner Gesundheit nicht mehr. Aber damals hat es mir großen Spaß gemacht, unter ihnen zu leben. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mit diesem Geschäft angefangen habe. Ich liebte es, bei den Menschen zu sein und an ihrem Leben teilzuhaben. Und obwohl ich mich eigentlich auf Reisen befand, war diese Situation völlig anders. Damals war es mir nicht bewusst, aber erst dort begab ich mich langsam auf die Suche nach dem Unentdeckten". 


Ozeanische Kunst


Im Hinterzimmer wird gehämmert. Ich gehe an steinernen Statuen vorbei in die Werkstatt. Hier finde ich Ulrichs Mitarbeiter, die eine große Maske mit knolligen Augen und gezackten Zähnen reinigen und fotografieren. 


Diese Maske mit den gezackten Zähnen ist eines der vielen Stücke, die Ulrich auf Catawiki versteigert


„Die ozeanische Kunst wirkt auf die meisten Menschen sehr fremd", sagt Ulrich nonchalant. Er winkt mich zurück in den Hauptraum und zeigt auf ein hohes Stück, mit etwas, das aussieht wie eine Nase und ein Körper mit einigen Schnitzereien. „Was denken Sie, was das ist?" Ich bin ratlos. Meine ehrliche Meinung ist eine Art fantastische Kreatur, die aus Pans Labyrinth stammt. Natürlich möchte ich aber ein gewisses Maß an Sachverstand und Respekt wahren und nachdem ich zuvor fälschlicherweise bereits eine Vogelskulptur als Wal erraten habe, tippe ich spontan auf eine Vogelart. Ulrich scheint mit meiner Antwort zufrieden zu sein, aber worum es sich wirklich dabei handelt sagt er mir nicht. „Es ist extrem seltsam", sagt er fröhlich. „Es ist ein anthropomorphes Stück. Schauen Sie sich mal das Krokodil an der Wand an - es ist sowohl ein Krokodil als auch ein Mensch". Dann dreht er sich plötzlich zu meinem Walfisch, der eigentlich ein Vogel ist. „Sie werden auch Vögel in vielen der Kunstwerke der Einheimischen finden. Sie sind wichtig, da es sich in der neuguineischen Kultur um Totemtiere handelt". 



Kunst ist in Papua-Neuguinea sehr funktional - sie wird sogar bei Zeremonien für die Yamswurzeln eingesetzt


Spiritualität und Funktionalität sind ein großer Teil der ozeanischen Kunst. Anders als in der westlichen Kunst, die oft aus der Ferne beurteilt wird, ist die ozeanische Kunst dazu bestimmt, benutzt zu werden, erklärt Ulrich. „Für die Menschen dort ist es auch keine Kunst. Die Stücke sind dazu gemacht, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen. In Papua ist „Kunst“ utilitaristisch und zeremoniell: Bögen, Waffen, Schilde. Masken und Figuren dienen dem gleichen Zweck wie die Götzen, die wir in unseren Kirchen finden. Nehmen Sie einmal die Azmat-Masken. Sie sind Teil großer Kostüme und werden für zeremonielle Tänze verwendet. Aber auch in Zeremonien, um die Yamswurzeln zu ehren. Die Einheimischen setzen sie der Yams auf, weil sie als wiedergeborene Vorfahren gelten.“ Er schaut mich an, während ich versuche, mir dieses maskierte Gemüse vorzustellen. „Um diese Kunst wirklich schätzen zu können, muss man dort gewesen sein.“ 


Umzug in die Online-Welt


Ulrich ist Eigentümer einer der wenigen Galerien für Stammeskunst in Deutschland. „Natürlich gibt es noch andere Sammler in Deutschland", sagt er. „Aber keine Händler." Auf die Frage, wie viele Stücke er inzwischen gesammelt hat, hält er inne. „Mehrere Tausend." Eine ziemliche Leistung, und die Galerie ist ein Beweis für seine anhaltende Leidenschaft. Aber obwohl das Sammeln und Ausstellen dieser Objekte ziemlich beeindruckend ist, verdient er sein Geld online. „Die meisten meiner Käufer kommen aus dem Ausland. Als ich anfing, online auf Catawiki zu verkaufen, war mir nicht einmal bewusst, dass es überhaupt private Sammler gibt. Ich habe von einem Freund in Belgien von Catawiki gehört, und wir sind wirklich sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Wir verkaufen mindestens 10-20 Stück pro Monat und die Zahl ist steigend. Wenn Sammler ihrem Hobby nachgehen wollen, dann sind sie darauf angewiesen, sich online zu bewegen". 



Catawiki hilft dabei, dass sich Ulrich einer Gemeinschaft von Stammeskunstliebhabern und -sammlern präsentieren kann


„Aber die Schönheit Catawikis besteht darin,", sagt er, „dass man dort eine tolle Gemeinschaft von Stammeskunstliebhabern findet". Aber dennoch kann man nicht immer vorhersehen, was den Menschen gefallen wird. „Oft verkaufen sich die Dinge, die ich nicht mag, am besten", lacht er. „Manchmal verkauft man eine schöne, authentische Maske weit unter dem Preis und dann kann etwas, das weit weniger besonders ist, viel mehr bringen. Das ist unberechenbar!" 


Zurück zu Hause


Heute sagt Ulrich, dass er froh sei, in Deutschland bleiben zu können. Auch wenn es einen gewissen Reiz habe, wieder mal nach Papua-Neuguinea zurückzukehren. Die Arbeit ist momentan hier. Echte Stammeskunst wird immer seltener und jemand muss sich schließlich um die Versorgung kümmern. „Es wird immer schwieriger, qualitativ hochwertige und authentische Stücke zu finden." Er bewegt sich zu einer Sammlung von spiralförmigen Muscheln hinter sich. „Diese verkaufen sich jetzt sehr gut, da sie früher als Währung dienten. Seit der Einführung von Papiergeld in Neuguinea werden sie jedoch seltener. Die Formen sind nicht mehr besonders schön und haben oft Risse, aber es sind echte Antiquitäten", sagt er stolz.


Ulrich ist einer der ganz wenigen verbliebenen Sammler außerhalb Ozeaniens und der Museen. „Als ich zu sammeln begann, machten die Einheimischen Kunst für sich selbst. Aber das hat sich geändert. Natürlich ist es traurig, aber warum sollten sie sich nicht ändern, wenn die Welt um sie herum es tut?"



Während die Stammeskunstwelt in die Moderne übergeht, ist Ulrich einer der wenigen Torwächter für sie in Westeuropa


Ich frage ihn zum Thema Veränderung und wie sich die Kunst und seine Zeit im Ausland auf ihn ausgewirkt hat. „Es hat mich genauso verändert, wie es jeden verändern würde. Ich habe eine völlig andere Sichtweise meiner eigenen Gesellschaft entwickelt. Die Sache, die die Leute nicht über den Kulturschock erzählen, ist, dass dieser nicht auftritt, wenn man dort ankommt, sondern wenn man zurückkommt.“


Dennoch hat Ulrich es geschafft, einen großen Teil dieses Zweigs der Kunst zurückzubringen, und seine Galerie dient als eine Möglichkeit, seiner Zeit in Neuguinea und all den Gefühlen, die damit verbunden waren, zu gedenken. „ Die Galerie ist nur für mich", sagt er. „Sie ist nicht für Geld. Sie macht mich einfach nur glücklich."


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