Geschichte

Glam Rock-Schallplatten, die Geschlechtsnormen in Frage stellten

Von Beulah I 11. März 2020

Vor über 50 Jahren trat der Glam Rock ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit, der extravagante und kühne Ausläufer aus der Familie des Rock. Dieser Musikstil hat nicht nur Künstler wie David Bowie, Freddie Mercury und Marc Bolan inspiriert, er sorgte auch für die Erschütterung gesellschaftlich etablierter Geschlechternormen.

„Ich wuchs in den 70er Jahren auf, als Musik für die Jugendkultur von sehr großer Bedeutung war. Ich erinnere mich gut daran, wie der Glam Rock eine ganze Generation aufrüttelte“, sagt Musikexperte Patrick Vranken. „Lange Haare, geschlechtsunspezifische Kleidung und man wusste nicht mehr, ob man Männlein oder Weiblich vor sich hatte... es war verwirrend und spannend gleichermaßen. Und in einer sehr ländlich geprägten, traditionellen Gesellschaft traf die Jugend auf wenig Verständnis. Es gab nur die großen Rockgötter, denen man überall hin folgen wollte.“


Hot Love (1971) von T. Rex


Für viele Fans war es elektrisierend: Marc Bolan schraubte sich an die Spitze der Charts und sang „Well she‘s my woman of gold“. Gehüllt in weißen Samt mit funkelndem Glitzer präsentierte sich Bolan, in einem Jahrzehnt, das für dominante Maskulinität stand, mit bekannten weiblichen Attributen. Und er trug nicht nur weiblich-konnotierte Kleidung, er sang auch über seine weibliche Seite. Nehmen wir die Zeile „I‘m a labour of love in my Persian gloves“. Hintergrund: Der altgriechische Philosoph Xenophon verurteilte die Gewohnheit der persischen Männer, Handschuhe zu tragen. als verweichlicht. Die im Song Hot Love besungenen persischen Handschuhe können also als ein Symbol des Protests bezüglich altbekannter Geschlechterrollen verstanden werden.

Und auch optisch wühlte der Glam Rock gesellschaftliche Standards auf: androgyn, verspielt und normfeindlich. T. Rex' Interpretation von Hot Love im wichtigsten Musikprogramm von BBC war das erste Mal, dass viele britische und internationale Zuschauer mit dieser bewussten Missachtung traditioneller Geschlechterrollen konfrontiert wurden. Zweifelsohne hat diese Aufführung zu Gesprächen darüber geführt, wie Kleidung zu unserer geschlechtlichen Identität beiträgt.


Rebel Rebel (1974) von David Bowie


Wechselnde Identitäten wurden zu einem Merkmal des Glam Rock: Die Künstlernamen änderten sich häufig, Musiker schufen männliche, weibliche und androgyne Persönlichkeiten. Und David Bowie schien der Glam Rock-Urknall zu sein. Ein Pionier und jemand, der schon in jungen Jahren mit seiner Identität spielte. Scheinbar mühelos und hoch begabt erfand er sich immer wieder neu und entwickelte seinen Musikstil so schnell, wie er seine Outfits wechselte. David Jones wurde zu David Bowie (um Verwechslungen mit Davy Jones, The Monkees, zu vermeiden). Der Hard-Rock-Stil seines Albums The Man Who Stole The World verlagerte sich in den Art-Rock-Sound von Hunky Dory, und dann kam noch der Glam Rock-Klassiker: The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars.

Im Laufe seiner Glam Rock-Phase outete sich Bowie- erst als schwul, dann als bisexuell- und sang einen Hit nach dem anderen über sein homosexuelles Leben. Wenn man bedenkt, dass Homosexualität in Großbritannien erst seit 1967 nicht mehr strafbar ist, ist es noch einmal viel beeindruckender, dass Bowie mit stolzer Brust das Mainstream-Publikum zu verzücken vermochte. 

Bowie's Song Rebel Rebel ist Sinnbild seines Erfolgs und Sounds. Mit dem kultigen Gitarrenriff ein Hit, der es auf Platz fünf der englischen Single-Charts schaffte. In Anlehnung an die transFrau und Glam Rock-Musikerin Jayne County (Rebel Rebel enthielt Textzeilen aus der Trans-Hymne Queenage Baby), sang Bowie in diesem Song: „Du stürzt deine Mutter in Verwirrung, weil sie nicht mehr sicher weiß, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist" (Originaltext: „You've got your mother in a whirl 'Cause she's not sure if you're a boy or a girl.”). Weniger als zwei Jahre später zog Bowie nach Berlin, um bei seiner Geliebten zu sein, dem niederländischen Transgender-Model Romy Haag. Von Musikkritikern und Fans gleichermaßen geliebt, aber ein Jahrzehnt eher wäre der große Erfolg von Rebel Rebel undenkbar gewesen. Aber der große Erfolg zeigt die wahre Kraft des Glam-Rock, mächtige binäre Geschlechternormen aufzubrechen.


Bohemian Rhapsody (1975) von Queen


Queen-Frontfigur Freddie Mercury war extravagant und charmant, schamlos und schüchtern, und das ganze Spektrum brachte er in nur einem Song unter. Er war derjenige, der den Namen Queen vorschlug- damals eine abfällige Bezeichnung für schwule Männer. Er selbst umgab sich sowohl mit Frauen als auch mit Männern. Als Künstler präsentierte Mercury eine schillernde Mischung aus offen gelebter Sexualität, theatralischer Bühnenshow und Stimmakrobatik. Diese Themen zogen sich durch sein ganzes Leben: sowohl in der Musik von Queen als auch in Mercurys persönlichem Leben. 

Mercury begann sich mit wechselnden Identitäten zu beschäftigen, als er seinen Namen öffentlich-rechtlich von Farrokh Bulsara in Freddie Mercury ändern ließ. Einen anderen Namen anzunehmen, ist im Showbusiness durchaus üblich, aber dieser neue Name schuf eine bewusst gewählte Distanz zwischen dem in Sansibar geborenen Farrokh und dem weltweit bekannten Rockgott Freddie. Die Musikindustrie der 1970er Jahre neigte dazu, weiße, heterosexuelle Männer aus Großbritannien und den USA zu bevorzugen. Er selbst war Einwanderer aus Sansibar mit indischer Herkunft und bisexuell. Es zerreißt einem das Herz, aber in Anbetracht dessen kann man verstehen, warum Farrokh sich entschied, Freddie zu werden.

Viele sehen den All-Time-Klassiker Bohemian Rhapsody glasklar als „Rockhymne" und der Glam-Rock-Stil ist nicht zu überhören. Typisch Mercury auf der Bühne: weiche, schwebende, typisch feminine Kleidung, Eyeliner und rosiger Lippenstift, perfekt kontrastiertend zu seiner kraftvollen, lyrischen Akrobatik. Bohemian Rhapsody gilt sogar als Mercurys Coming-Out-Lied. Und wir beachten bitte: dass mehrere Generationen von Hetero-Männern lauthals ein Lied über den Ausstieg aus dem heterosexuellen Leben mitsangen und singen macht deutlich, dass Bohemian Rhapsody, bewusst oder unbewusst, einen profunden Einfluss auf das gesellschaftliche Verständnis von Geschlechternorm und sexueller Identität hatte und hat.

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