Interviews

Die politisierte Realitätsflucht von Jad El Khoury

Von Beulah | 7. Februar 2020

Jad El Khoury ist ein libanesischer Straßenkünstler, der einen scharfen Blick auf die politische Korruption mit einer strahlenden Welt der karikaturhaften Fantasie verbindet. Sein Werk reicht von gigantischen Streetart-Installation auf mehrstöckigen Hochhäusern bis hin zu winzigen, komplexen Kritzeleien, die uns in das Universum einer Figur einladen, die er „Potato Nose", also Kartoffelnase, nennt. Wir wollten mehr über El Khoury wissen und fragten ihn, wie er es schafft, Politik und seine Art der Realitätsflucht auf einer Leinwand zu vereinen.

Jad El Khoury ist fasziniert von der Art und Weise, wie die Veränderung von Stadtlandschaften es den Bewohnern ermöglicht, das Trauma des Krieges zu verarbeiten und schließlich zu überwinden. Er erreicht dies, indem er die Stadt mit Hilfe von groß angelegten Installationen verwandelt, welche die Wunden, die der libanesische Bürgerkrieg in Beirut hinterlassen hat, sowohl verdecken als auch hervorheben.

Eine Kindheit im Beirut der Nachkriegszeit


Jad El Khoury heute

El Khoury wurde 1988 während des libanesischen Bürgerkriegs in Baabda, Libanon, geboren. Er wuchs mitten in Beirut auf, der Stadt, die inzwischen auch der Schauplatz seiner international bekannten Streetart-Installationen geworden ist. Wie viele andere war El Khoury ein kleiner Junge, der versuchte, sich in einer vom Krieg geplagten Großstadt zurechtzufinden. In der Zeit zwischen 1975 und 1990 kamen über 200.000 Menschen in Beirut ums Leben, was eine eindringliche Kulisse für eine ganze Generationen von libanesischen Künstlern hinterließ. Eine Künstlerkollegin von Jad, die Filmregisseurin Joana Hadjithomas, spricht über diese Welt wie folgt: „Man kann seiner Realität nicht entkommen. Wie werden wir in dieser Gegenwart leben? Ich sage nicht, dass die Kunst die Lösung ist, aber die Poesie kann helfen."

El Khoury verarbeitete den Krieg auf seine eigene Weise. Als kleines Kind zeichnete er die immer wieder gleichen Figuren auf jede freie Fläche der Stadt. „Wenn man als Teil der ersten Nachkriegsgeneration in Beirut aufwächst, führt kein Weg an der Politik vorbei", erklärt El Khoury. „So wurden meine Kartoffelnasen zur Eintrittskarte in neue gedankliche Städte und Räume." Diese namenlosen Welten waren frei von Krieg bzw. frei von korrupten Regierungen, die aus dem Krieg Profit schlagen wollen. Und diese imaginären Räume füllten die harte Realität der Stadt aus, in der viele Bauprojekte nach dem Bürgerkrieg aufgegeben wurden und Gelder, die für die Wiederherstellung der ärmeren Viertel der Stadt vorgesehen waren, verschwanden.

Ein friedlicher Protest: Potato Nose


Potato Nose tauchte irgendwann überall auf, von Beirut bis hin zu Motiven auf limitierten Uhren von Swatch

Die Verzweiflung über die Art und Weise, wie die Politiker die Schieflage des Libanon nach dem Krieg ausnutzten, nahm in El Khourys noch jungem Leben eine unerwartete Form an. Kleine, runde, glotzäugige und blinde Wesen: „Die Kartoffelnase ist eine Figur, die ich schon als Kind malte", sagt El Khoury. „Als ich dann anfing, sie auf die vom Krieg zerrissenen Gebäude Beiruts zu sprühen, bekamen sie sogar einen gewissen Bekanntheitsgrad", sagt El Khoury. Die Kritzeleien seiner Kindheit waren Teil eines Projekts mit dem Namen War Peace, in dessen Rahmen El Khoury riesengroße Kartoffelnasen auf verlassene und zerbombte Gebäude malte.

„Ich wollte die Spuren des Krieges, die wir überall in Beirut finden, hervorheben und in etwas anderes verwandeln", erklärt El Khoury. „Die Kritzeleien, für die ich schon in der Schule Ärger bekam, weil ich sie an die Wände und Klassentische gezeichnet habe, sind jetzt der Grund dafür, dass meine Arbeit auf der ganzen Welt gesehen wird. Durch das viele Zeichnen habe ich auch gelernt, mit der Größe der Figuren zu spielen und optische Täuschungen zu erzeugen.“ Das Ziel von El Khoury bestand immer darin, die Aufmerksamkeit auf die noch immer vom Krieg gezeichneten Gebäude in Beirut zu lenken und gleichzeitig den Bewohnern einen anderen Hintergrund für ihren Alltag zu geben.

Freude zeigen und nicht das Unglück unterstreichen


Die bunten Fensterläden von Burj Al Hawa

Das vielleicht weltweit bekannteste Werk El Khourys war die kurzzeitige Installation mit den bunten Gardinen am Burj Al Murr. Dabei handelt es sich um ein verlassenes Hochhaus, das einst als Handelszentrum für die Stadt gedacht war. Während des Krieges wurde das halbfertige Bauwerk von Scharfschützen übernommen und mit Einschusslöchern übersät zurückgelassen. Eine Fertigstellung erfolgte nicht und es wurde zu einer jahrzehntelangen allgegenwärtigen Erinnerung an das Trauma, dass die Bewohner in seinem Schatten durchlebten. Im Jahr 2018 erhielt El Khoury von den Eigentümern 48 Stunden Zeit, um das Gebäude zu verschönern. Das Ergebnis seiner Arbeit war, dass für einige Stunden bunte Vorhänge aus den nicht verglasten Fenstern wehten, die daran erinnern sollten, dass man auch in der Dunkelheit noch Freude und Farbe finden kann. Durch diese Installation erhielt das Gebäude auch seinen heutigen Namen: Burj Al Hawa („Tanz im Wind").

Während El Khoury mit seinen Zeichnungen und Installationen den Menschen half, eine neue Art der Freude in ihrer Stadt zu finden, will er auf keinen Fall, dass der Krieg in Vergessenheit gerät. Stattdessen konzentriert er sich auf die Aufarbeitung traumatisierter Stadtlandschaften. „Mein Antrieb ist es, sozialpolitische Themen durch Graffiti, Streetart und öffentliche Kunstinstallationen hervorzuheben", erklärt er. „Durch öffentliche Kunstinstallationen versuche ich, die Wut, die unsere korrupten Politiker täglich verbreiten, zu transformieren und zu verarbeiten.“ 

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Aktuelle Informationen zu Jad El Khoury's nächstem Projekt finden Sie auf seiner Instagram-Seite @potatonose961. Und vergessen Sie nicht, unsere wöchentlichen Street Art-Auktionen zu besuchen oder sich als Verkäufer zu registrieren, um Ihre eigenen Kunstwerke zu verkaufen.

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