Interviews

Die gefühlvollen Skulpturen von Andrea Giorgi

Andrea Giorgi ist ein italienischer Künstler und Liebhaber der großen Bildhauer unserer Vergangenheit: Michelangelo, Bernini, Igore Mitoraj; diese Namen sind seine Vorbilder. Um seine eigene Kunst zu verbreiten, entschied er sich, seine Werke online zu verkaufen. Denn nur so hat er die Chance, einen Fuß in die Kunstwelt zu setzen. Aber die digitale Welt wurde mehr als nur ein Marktplatz und ein Medium für ihn: sie wurde zu einer neuen Art und Weise, Kunst zu erschaffen und sie zu definieren. In seinen Skulpturen erforscht er den Kern des Menschlichen. Wir haben uns mit ihm getroffen und wollten mehr darüber erfahren, was es für ihn bedeutet, ein Künstler in einer digitalen Welt zu sein.


Hallo Andrea, danke, dass Du Dich mit uns triffst. Kannst Du uns etwas über Deine Kunst erzählen und über Deinen Schaffungsprozess?

 

Andrea: Wie bei vielen Künstlern kommt auch bei mir die Inspiration häufig in den traurigsten oder glücklichsten Momenten meines Lebens. Ich kann zwei, drei Ideen in nur wenigen Tagen haben oder auch nur eine in einem halben Jahr. Meistens habe ich nur kurz ein Bild vor Augen, das dann noch sehr grob ist. Dann steigt das Gefühl in mir hoch, jenen Gedanken in eine Skulptur umwandeln zu müssen. 


Der Prozess selbst ist nicht so einfach und läuft unterschiedlich ab und kann zwei Wochen oder auch Monate oder Jahre dauern. Es ist nicht ganz einfach die Emotionen, die ich im Sinn habe, in eine statische Skulptur zu übersetzen; vor allem, wenn es sich um schwierige und komplexe Emotionen handelt, wie Melancholie.


Manchmal gelingt eine Idee eben auch nicht. Obwohl sich neue Technologien konstant weiterentwickeln, sind die Herstellungskosten häufig zu groß, um kleine Serien herstellen zu können. Ich verwende verschiedene 3D-Programme, manchmal vier oder fünf Stück, um eine Idee umzusetzen. Ich experimentiere gerne und suche immer wieder nach neuen 3D-Druck-Technologien und Materialien zur Veredelung.



Die Baby-Engel-Skulptur


Du konzentrierst Dich vor allem auf nackte menschliche Formen, wie kam es dazu?

 

Andrea: Mein Stil ist einfach zeitgenössisch und klassisch. Es scheint wie eine Verschmelzung zwei verschiedener, gegensätzlicher Stile, aber in meinen Arbeiten existieren sie nebeneinander. Ich glaube, dass es nichts schöneres und ausdrucksvolleres gibt, als einen nackten menschlichen Körper. Nackt sind wir alle gleich, auch gleich verletzlich. Wenn wir uns eine nackte Person anschauen, können wir die wahren Gefühle und Emotionen sehen.


Und so ergibt sich definitiv ein spürbares Gefühl und echte Emotionen, die Deine digitalen Skulpturen vermitteln. Glaubst Du, dass es dringend notwendig ist, menschliche Emotionen darzustellen, wenn die digitale Welt unsere Fähigkeit dazu reduziert und uns permanent mit grellen Bildern bombardiert?

 

Andrea: Leider leben wir heute in einer Welt, in der Aussehen alles ist. In einer solchen Konsumzeit definieren wir uns nicht darüber wer wir sind, sondern was wir kaufen. Wenn wir jemanden sehen, „katalogisieren“ wir ihn, basierend auf Kleidung, Auto, Haus, Arbeitsstelle. Wir verstecken uns hinter Materiellem.


Meine Skulpturen nehme ich aus diesem Karussell komplett heraus und kehre zurück zu einer ganz archaischen Dimension. Ich vermeide es sogar, Gesichtern eine Mimik zu verleihen und ihnen so einen Charakter zu verleihen. Die Gesichter meiner Skulpturen lächeln niemals, oder schauen traurig; sie sind immer neutral. Es geht nur um die Pose, mit der die Emotion übertragen werden soll, die ich ausdrücken möchte.



In den Arbeiten von Giorgi findet man auch Lektionen des Herzens


In vielerlei Hinsicht ist ein Großteil Deiner Kunst sowohl in der Präsentation als auch in dem, was sie auszudrücken versucht, sehr gediegen. Wie ist die Resonanz der Menschen darauf?

 

Andrea: Ich glaube, dass viele die Botschaft verstanden haben; meine Arbeiten sollen einfach und unmittelbar sein. Die „Canvas Cuts“ von Lucio Fontana haben die Kunstwelt revolutioniert und verbessert, wenn man sie den Menschen aber nicht erklärt, dann bleiben sie in der Wahrnehmung einfach nur Leinwände und weitere bedeutungslose Bilder.


Einige Menschen haben mich nach der Bedeutung meiner Skulpturen gefragt, normalerweise dann, wenn sie einen besonders komplexen Hintergrund haben und für den Betrachter, abhängig von den individuellen Erfahrungen im Leben, mehrere Deutungsmöglichkeiten möglich sind, wie zum Beispiel bei The Construction of Love. Die Leute erzählen mir, dass sie sich selbst in den Skulpturen wiedererkennen, denn natürlich ist es so, dass eine Skulptur ohne Kleidung und ohne Haare immer Potenzial hat, wie man selbst auszusehen.


Es gibt zwei Wege, Emotionen zu vermitteln: der erste ist, etwas Ansprechendes und Ausgewogenes zu schaffen; der zweite ist, einen Menschen an etwas in seinem Leben zu erinnern. Und genau das versuche ich mit meiner Kunst.


____________________

Finden Sie sich selbst in einigen Werken von Andrea Giorgi auf Catawiki. Entdecken Sie unsere aktuelle Auswahl an zeitgenössischer Kunst. 

Mehr entdecken zu Kunst | Moderne und zeitgenössische Kunst 


Diese Artikel könnten Ihnen auch gefallen:


Die ökofuturistische Fotografie von Steve Sabella


Wie die S.M.S.-Portfolios dazu beigetragen haben, Kunst für jeden zugänglich zu machen


Wie geht es weiter auf dem Markt für moderne Kunst?


Erstellen Sie kostenlos Ihr Catawiki Nutzerkonto

Bei Catawiki bieten wir Ihnen jede Woche auf’s Neue eine beeindruckende Auswahl besonderer Objekte, die Sie überraschen wird. Melden Sie sich noch heute an und entdecken Sie die wöchentlichen Auktionen, die unser Team von Experten für Sie zusammengestellt hat.

Jetzt registrieren
Diesen Artikel teilen
Close Created with Sketch.
Noch nicht angemeldet?
Erstellen Sie Ihr kostenloses Catawiki-Benutzerkonto und bieten Sie jede Woche auf 50.000 besondere Objekte.
Melden Sie sich jetzt an!