Geschichte

Die Geschichte der Zensur in drei Büchern

Von Beulah | 20. September 2019

Die Banned Books Week (Woche der verbannten Bücher) hat sich zu einer international anerkannten Veranstaltung rund um zensierte Bücher entwickelt, an der sich Leser auf der ganzen Welt beteiligen. Werke wie "Alice im Wunderland", "Die satanischen Verse" und "Manifest der Kommunistischen Partei" haben alle gemeinsam, dass sie dem politischen Willen ein Dorn im Auge waren und der Zensur zum Opfer fielen. Unser Experte für seltene Bücher - Mark Harrison - glaubt jedoch, dass wir genauso viel Aufmerksamkeit auf die Bücher richten sollten, die nicht verboten wurden.

Die Zensur von Büchern folgte zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte weder einer besonderen Logik, noch gab es eine einheitliche Vorgehensweise. „Das Thema der zensierten Bücher ist einfach nur faszinierend. Aber manchmal sind die Werke, die der Zensur entkommen sind, nicht wesentlich uninteressanter", erklärt Mark. „Häufig erzählen uns die kontroversen Bücher, die nicht verboten wurden, viel über die sozialen Sitten und die Scheinheiligkeit, die zum Zeitpunkt der Zensur herrschten."

A Vindication of the Rights of Woman (Verteidigung der Rechte der Frau) von Mary Wollstonecraft, 1792

„Ein schönes Beispiel dafür ist A Vindication of the Rights of Woman. Es ist schon fast verwundernd, dass dieses wegweisende feministische Essay, das viele Themen beschreibt, die auch heute noch umstritten sind, in keinem Land verboten wurde und nicht einmal auf dem Index Librorum Prohibitorum (eine Liste von Werken, die für römischen Katholiken verboten waren) landete. In ihrem Manuskript spricht Wollstonecraft vor allem die Themen universelle Bildung und Frauenrechte an. Themen, von denen man meinen würde, dass sie sich damit allein sehr unbeliebt gemacht haben müsste. Zusätzlich stellt Vindication unterschwellig den Republikanismus in Frage und spricht sich gegen die Monarchie und Aristokratie aus. Ein Werk, von dem man sich zu Recht fragt, wie es dem Rotstift der damaligen Politik entgehen konnte.“ Warum das Buch nicht Opfer der Zensur geworden ist?

Klingt ironisch, aber es kann sein, dass gerade jener Sexismus, gegen den sich Wollstonecraft Aussprach, Vindication gerettet hat. Die Zensur von Büchern, aus Gründen der nationalen Sicherheit, richtete sich vor allem auf Literatur von männlichen Autoren. Frauen spielen in der britischen Geschichte im politischen und öffentlichen Leben eine kleine Rolle. Das führte dazu, dass ihre Arbeiten als weniger problematisch angesehen wurden und die Wahrscheinlichkeit einer Zensur geringer war. Zugleich fiel die Zeit von Frauen als glaubwürdige politische Provokateure mit einer Zeit zusammen, in der sich die Zensur entspannte. So entkam Wollstonecrafts Werk der politischen Führungsriege: stark genug, um veröffentlicht zu werden und zugleich unterschätzt genug, um Misstrauen zu vermeiden.

Eine Statue von Charles Darwin im Natural History Museum in London

On the Origin of Species (Über die Entstehung der Arten) von Charles Darwin, 1859

„Bis zu seiner Abschaffung im Jahr 1966, schien sich praktisch jedes interessante Werk auf dem Index Librorum Prohibitorum zu befinden", sagt Mark. „Interessanterweise fanden sich die Werke von Charles Darwin nie auf dem Index. Und das trotz der enormen Auswirkungen, die seine Arbeit auf den Glauben von Millionen und auf die Sicht der zeitgenössischen Religion im 19. Jahrhundert hatte."

Der Grund dafür ist, dass sich der Index Librorum Prohibitorum auf Bücher konzentrierte, die als offensichtlich ketzerisch oder unmoralisch galten. Zwar hat Darwin mit On the Origin of Species die Evolutionsbiologie begründet und die Weltsicht der Menschheit massiv verändert, stellte darin jedoch nicht den christlichen Gott als Schöpfer der Welt in Frage. Stattdessen legte er eine alternative Version der Entstehungsgeschichte vor. Umstritten ja, aber nicht explizit ketzerisch.

Eine weitere interessante Theorie darüber, warum On the Origin of Species nicht verboten wurde, stellte der Theologe Hubert Wolf im Jahr 2005 auf. Wolf vermutete, dass die katholische Kirche nach der umstrittenen und umfangreichen Zensur Galileis eine lockere Haltung gegenüber dem Verbot wissenschaftlicher Texte eingenommen haben könnte. Galileis Theorie, dass sich die Erde um die Sonne dreht, erwies sich schließlich als richtig. Kurz darauf stellte der Index die Überprüfung wissenschaftlicher Publikationen ein, es sei denn, sie konzentrierten sich ausdrücklich auf die Theologie.

Die Banned Books Week wurde 1982 von Judith Krug gegründet

Notes of a Native Son von James Baldwin, 1955

Ähnlich wie A Vindication of the Rights of Woman war James Baldwins Essayband - Notes of a Native Son - so bahnbrechend, dass er, wenn er von einem Weißen geschrieben worden wäre, mit ziemlicher Sicherheit verboten worden wäre. Das Essay beschäftigt sich mit Themen, die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als tabu galten: Rassismus (sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa), Diskriminierung, Klassizismus, Desillusionierung innerhalb der schwarzen Gemeinschaft, häusliche Gewalt und übersteigerte Männlichkeit. Ganz sicher Themen, die bei anderen Büchern zum sofortigen Verbot führten.

Obwohl die Veröffentlichung einiges Aufsehen erregte, wurde Notes of a Native Son aber nie zensiert. Tatsächlich war Another Country (Eine andere Welt) das einzige zensierte Buch in Baldwins explosiver Bibliographie. Es wurde von der australischen Regierung mit der Begründung, dass es "durchgehend mit unanständigen, beleidigenden und schmutzigen Epithelien und Anspielungen beschmiert" wäre, verboten. Obwohl die Schriften Baldwins Zeitgenossen häufig verboten wurden (Ralph Ellis, Toni Morrison, Allan Ginsberg, etc.), ist es erstaunlich, dass er, als eine der einflussreichsten Stimmen der Bürgerrechtsbewegung, weitgehend unzensiert blieb.

Diese drei Bücher entgingen der Zensur und trugen dazu bei, Generationen von Denkern und wohl auch die Welt zu beeinflussen. Und solange die politische Zensur noch immer angewandt wird, sollte man sich, wie bei diesen Büchern, immer daran erinnern, dass sich die Wahrheit immer durchzusetzen wird. Bücher wie diese sind der Beweis dafür, dass es viele Stimmen gibt- mögen sie noch so leise sein- die nicht schweigen.

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Derzeit veranstalten wir eine Banned Books Week-Auktion auf Catawiki.


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