Interviews

Auf diese Weise verändern Online-Auktionen die Street Art

Von Beulah | 10. Juli 2020


Kann man noch von „Straßenkunst“ reden, wenn sie online beworben und gehandelt wird? Haben Online-Auktionen die Art und Weise verändert, wie sich urbane Künstler*innen selbst vermarkten? Gelingt es den Künstler*innen, ihre mystische Anonymität auch noch im Internet zu wahren? Diese großen Fragen stellen wir keinem geringeren, als unserem Street Art-Experten Ard Doko.


Hallo Ard! Beginnen wir mit der naheliegenden ersten Frage: Kann man eigentlich noch von „Straßenkunst" sprechen, wenn man die Werke der Künstler*innen online bei uns kaufen kann?

Ard: Hallo. Zunächst sollten wir uns die Frage beantworten, was man unter Street Art versteht. Das ganze Movement ist ein Überbegriff für Straßenkünstler*innen und Graffiti-Künstler*innen, zwei völlig verschiedene Gruppen. Die Street-Art greift auf die verschiedensten Medien und Techniken zurück. Die Künstler*innen nutzen Sprühfarbe, Weizenkleister, Schablonen, Skulpturen, Hacking, Yarnbombimg und vieles mehr, um ihre Kunst zu visualisieren. Graffiti hingegen ist eher eine kulturelle Bewegung. Da die Grenzen fließend sind, kann man beides unter dieser Kategorie führen.

Ich persönlich bevorzuge den Begriff „urbane Kunst". Am besten würde wahrscheinlich „zeitgenössische Kunst, die von urbanen Künstler*innen zu kommerziellen Zwecken gemacht wird" passen, was ein bisschen holprig ist und langfristig wahrscheinlich nicht besonders gut funktioniert. Aber im Ernst, im Wesentlichen ist es die Kunst, die von Menschen geschaffen wird, die aktiv Kunst im öffentlichen Raum machen. Und ja, wir haben inzwischen die tolle Möglichkeit, die Kunstwerke dieser Künstler*innen zu uns nach Hause zu holen.

Ard Doko -  Untitled - Big Picture Festival Illinois, USA 2018

Interessant! Street Art kann sich also von physischen Galerien in Online-Räume verlagern, aber welche Auswirkungen (wenn überhaupt) hat dieser Umzug auf die Künstler*innen gehabt?

Ard: In gewisser Weise beeinflusste der Übergang von physischen Galerien zu Online-Räumen alle Kunstformen, aber urbane Künstler*innen am stärksten. In der heutigen Zeit ist es für junge Künstler*innen schwer, in Galerien stattzufinden. Entweder braucht man wahnsinnig viel Talent oder man hat einige Verbindungen, die einem an diesen Orten die Tür öffnen könnten.

Viele der urbanen Künstler*innen konzentrieren sich vor allem auf ihre Arbeit und denken nicht einmal über die kommerziellen Möglichkeiten nach oder wollen einfach anonym bleiben. Online-Plattformen geben ihnen die Möglichkeit, ihre Werke ohne Kontakte in die Kunstwelt zu verkaufen und gleichzeitig ihre Anonymität zu wahren und die volle Kontrolle über ihr eigenes Geschäft zu behalten. In gewisser Weise sind Künstler*innen heute keine Künstler*innen mehr. Sie sind ihre eigene Marke, und wenn sie erfolgreich sein und ein breites Publikum erreichen wollen, brauchen sie das Internet.


Ard Doko -  Between Pain and Pleasure

Hast du durch das Kuratieren der Auktionen einen besonderen Einblick auf die Angebots- und Nachfrageseite bekommen?

Ard: Auch aus der Sicht von Käufer*innen haben sich die Dinge geändert. Die Menschen müssen eigentlich gar keine Galerie mehr betreten. Galerien zu besuchen ist immer ein bisschen umständlich, vor allem, weil man direkt vor Ort eine Entscheidung treffen muss und die Galerist*innen natürlich verkaufen wollen. Erfahrene Galerist*innen sind nicht aufdringlich, aber dennoch kann dieser Schritt eine Hürde sein und Käufer*innen sich abgeschreckt fühlen. Insgesamt ist der Markt deutlich zugänglicher geworden. Ich denke, dass eine Kombination aus Online- und Offline-Handel, Ausstellungen und Kundenkontakt für Künstler*innen der Schlüssel zu einem erfolgreichen, stabilen Einkommen ist.

In den letzten zehn Jahren habe ich Kunstwerke in Galerien und online gekauft und auch meine eigene Arbeit vertrieben. Dadurch, dass ich Auktionen kuratiere und zusammenstelle, kam mir vor allem eine Erkenntnis: der Online-Kunstmarkt entwickelt sich definitiv in die richtige Richtung. Ich meine, das Netz gab es ja auch schon vor zehn Jahren, auch mit Online-Auktionen und Online-Galerien, aber zu der Zeit scheiterten die meisten Webseiten einfach noch an den geringen Besuchszahlen.

Bis heute hat in den Niederlanden eigentlich nur street-art.nl überlebt und das vor allem, weil sie ein anderes Konzept anbieten. Sie laden jeden Monat eine Künstler*in ein, ein kleines Kunstwerk (Auflage von 10 Stück) herzustellen und verkaufen es auf ihrer Plattform. Die Folge ist, dass fast jede Künstler*in innerhalb weniger Stunden ausverkauft ist und dieses spezielle Kunstwerk immer sehr streng limitiert ist.

Eine Plattform wie Catawiki wiederum bietet Käufer*innen und Verkäufer*innen ein konstantes Angebot bzw. eine konstante Nachfrage. Künstler*innen zahlen nur 12,5% Kommission, statt der üblichen 50% in Galerien, was den gesamten Kunstmarkt sehr verändert hat. Für Käufer*innen ist es günstiger, dort ihr Geld zu investieren und Künstler*innen haben (in der Regel) am Ende mehr Geld übrig. Man sieht viele, die eine Art „Produktionslinie" aufbauen, um sich ein stabiles Einkommen aus dem Online-Handel aufzubauen und um gleichzeitig genug Zeit zu haben, sich auf größere Projekte/ Kunstwerke für Ausstellungen zu konzentrieren.


Ard Doko -  I don't need to tattoo your name, I've got scars to prove that I loved you

Was glaubst du, was die Zukunft der Online-Versteigerungen von Street Art für uns alle bereit hält?

Ard: Meine Vorhersage für die Zukunft ist, dass wir neue Generationen von Künstlern sehen werden, die ausschließlich über Online-Kanäle verkaufen. Das kann Catawiki sein, aber auch über soziale Medien, es würde mich nicht überraschen, wenn Instagram und Facebook in 4 bis 5 Jahren ein solches System implementieren. Auch Künstler*innen, die es noch nicht in die große Liga geschafft haben, werden sich von den hohen Kommissionsraten und den Hürden abwenden, die eine Galerie hat.

Interessant an dem Gedanken ist vor allem, dass eine solche Entwicklung die urbane Kunst zu ihren Wurzeln zurückbringt. Selbstgenügsam und die DIY-Mentalität, die Künstler*innen haben, die sich auf der Straße tummeln. Natürlich bedeutet so ein Hype auch immer, dass die Welle von Künstler*innen geritten wird, die sich nie auf der Straße ausgelebt haben, aber echte Kunstliebhaber werden diese Leute immer durchschauen.

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